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Presse • 13.04.2006 • Hans-Joachim Sander, DrehPunktKultur

Statt ER-Lösung vom Opfer Erlösung durch ein Opfer

Hans-Joachim Sander, Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, sprach am Dienstag (11.4.) bei der Diskussionsveranstaltung in der Katholischen Hochschulgemeinde Salzburg über die, inzwischen abgesagte, Performance "ER-Lösung? Eine Glaubensprozession". - Wir bringen hier das Statement Sanders, einen anspruchsvollen fachtheologischen Artikel, den wir ungekürzt veröffentlichen, weil er zur Reflexion herausfordert. Besonders spannend und erhellend ist der differenzierte Opfer-Begriff: die Unterscheidung Sanders zwischen "victime" und "sacrifice". - "Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine starke Kunst sich eine schwache Theologie leistet."

Was die Performance "ER-Lösung? Eine Glaubensprozession" der ARGE-Kultur Salzburg am Karfreitag 2006 aufführen wollte, wäre unmöglich gewesen. Dabei steht am Ende von ‚unmöglich' ein Ausrufezeichen, in dem sich Protest artikuliert. Mich wundert deshalb auch die Empörung über diese Kunstaktion nicht. Ich bin nicht hier, um mich zu empören, wohl aber um zu protestieren. Dieser Protest ist theologischer Natur und bezieht sich auf den unmöglichen religiösen Diskurs, den diese Glaubensprozession führen wollte.

Ich glaube, dass dieser Protest notwendig ist, damit nicht die Verwechslungen greifen, die sich durch die geplante Performance ziehen. Diese Verwechslungen sind allerdings fruchtbar, weil in strikter Differenz dazu deutlich wird, worum es bei der Erlösung durch den gekreuzigten Jesus eigentlich geht, dessen Opfer am Karfreitag im Zentrum des Geschehens steht. Ich protestiere daher mit einer theologischen Absicht. Es geht mir nicht um Kunstkritik oder um eine juristische Beurteilung der Aktion, dafür bin ich einfach nicht kompetent. Und es geht auch nicht um eine nachträgliche Aburteilung, also eine Art Nachkarten nach dem Absagen der Performance, sondern um wichtige Sachfragen im Diskurs zwischen Kunst und Theologie.

Die Unmöglichkeit der ursprünglich vorgesehenen Glaubensprozession sucht die Nähe zum Kreuz, weil dort ebenfalls von einer Unmöglichkeit zu sprechen ist; denn das Kreuz ist ein denkbar unmöglicher Ort für Erlösung. Aber seine Unmöglichkeit ist eine ganz andere als jene der Performance. Das Kreuz Jesu ist ein Ort der Niederlage, der Ohnmacht, der erlittenen Gewalt, des zerstörten Körpers, der zerbrochenen religiösen Siegesvisionen. Es konnte unmöglich als der Ort gelten, an dem Erlösung geschieht. Diesen Ort der öffentlichen Schmach und der erniedrigenden Ohnmacht als den Ort der Erlösung zu identifizieren, bedeutet, in Sachen Gott die Perspektiven grundlegend und radikal zu verändern. Das geschieht mit dem Kreuz; es ist jener Ort, an dem eine ganz andere Rede von Gott offenbar wird, als sie selbstverständlich herrschte und immer noch vorhanden ist. Das Kreuz ist unmöglich in einem Sinn, dass die religiöse, politische, kulturelle Ordnung der Dinge, also die Machtverhältnisse herrschender Diskurse, prinzipiell verändert wird.

Das Konzept der Performance blieb dagegen im Raum von provokanten künstlerischen Möglichkeiten, die jedoch die Ordnung der Dinge in Sachen Macht und Gewalt nicht verrücken. Die Performance wollte vom Opfer weg und ihr Konzept hängt der Utopie einer Menschheit an, die auf Opfer verzichten kann. Das ist eine typisch moderne Utopie. Sie beschwört die Vision einer opferfreien Welt, die sich nicht jedes Jahr an einem Opfer ausrichtet wie der Karfreitag; sie glaubt eben an die ER-Lösung. Das Kreuz kann dagegen nicht vom Opfer weg, weil es keine Utopien einer opferfreien Welt ausmalt, sondern sich den realen politischen, kulturellen, existentiellen Zustand der Menschheit stellt, die immer unfähiger zu werden scheint, auf die Gewalt gegen andere und damit auf Opfer zu verzichten. Zur Liturgie des Karfreitags gehört deshalb zentral ein Ritus, bei dem diejenigen, die sich dem Kreuz Jesu aussetzen, ihre eigene Mitschuld an der Gewalt dieser Opferung bekennen. Das Kreuz folgt keiner Utopie, es ist eine Heterotopie, ein Anders-Ort, der das an Gewalt freilegt, was in der normalen Ordnung der Dinge für selbstverständlich gehalten wird.

Ich halte diesen Unterschied in der Qualität des Unmöglichen im Kreuz und in der abgesagten Performance für entscheidend. Und das Unmögliche ist hier nicht einfach ein Wortspiel, sondern markiert ein spezifisches Identifikationsmerkmal von Kunst, wie es etwa Georges Bataille herausgearbeitet hat. Diesen Unterschied an unmöglicher Qualität zu verschleiern ist m.E. sogar gefährlich, weil so gerade jene problematischen Opfer zur Aufführung kämen, von denen die Performance weg wollte.

Das möchte ich mit drei Verwechslungen begründen, die meines Erachtens in dem Konzept dieser Performance vorhanden sind. Der erste Schritt bezieht sich auf die Verwechslungen der Opfer in der ER-Lösung, der zweite auf die Verwechslung des Erlösers mit seiner Männlichkeit und der dritte auf die Verwechslung in der Nacktheit der beiden Körper im Zentrum der Auseinandersetzung. Zum ersten:

1. Opfer ist nicht gleich Opfer - das utopische Glaubensbekenntnis der ER-Lösung

Die Performance der Glaubensprozession wollte sich gegen das Opfer und die Art und Weise wenden, wie das Opfer für politische und religiöse Zwecke in Anspruch genommen wird. So hätte die Künstlerin im Zentrum der Glaubensprozession die Aufschrift ‚Opfer' getragen.

Der Begriff 'Opfer' ist im Deutschen doppeldeutig. Er kann Opfer im Sinne eines victime bedeuten, also dass jemand einer äußeren Gewalt wie Straßenverkehr, Krieg oder Verbrechen zum Opfer gefallen ist, oder er kann Opfer im Sinne eines sacrifice bedeuten, also dass jemand der Gewalt einer Opferung hingegeben wird. Man kann sacrifice nicht von victime trennen, aber man darf beides nicht verwechseln - und zwar buchstäblich um Gottes willen nicht. Beim victime wird Ohnmacht erfahrbar, beim sacrifice geht es dagegen um die rituelle Aufführung von Macht, die sich als Gewalt an einem unfreiwilligen oder freiwilligen victime demonstriert. Bei islamistischen Selbstmordattentätern ist der victime-Zustand gesucht, bei Hinrichtungen von Todeskandidaten erzwungen; beides dient zur Demonstration einer höheren religiösen oder staatlichen Macht. Ein solches sacrifice geschieht zwar durch ein oder an einem victime, aber dieses victime ist austauschbar.

Wenn dagegen in einem victime ein sacrifice der Gewalt geschieht, dann wird nicht Macht aufgeführt, sondern Ohnmacht präsentiert. Und in dieser Ohnmacht bricht die Macht der Gewalt; sie wird pulverisiert und verliert ihren Zugriff, etwa durch den Verzicht auf Rache. Ein solches victime ist nicht austauschbar, sondern in seiner konkreten Existenz der reale Ort einer Gewaltüberwindung. Das ist am Kreuz der Fall, das der Karfreitag ins Zentrum stellt. Jesus ist ein victime einer Koalition aus religiösen und politischen Machthabern. Sein sacrifice bedeutet, so die basale Aussage des christlichen Glaubens, die Aufhebung aller anderen und aller weiteren sacrifices. Darin geschieht Erlösung von der Gewalt, die Menschen im Griff hat. Das sacrifice des victime Jesus steht dafür, dass Christen sich vor Gott und den Menschen auch um den möglichen Preis ihres Lebens aller weiteren Opfer verweigern, welche victimes billigend in Kauf nehmen oder direkt erzwingen wollen. Dieser Widerstand ist wichtiger als das eigene Leben, weil seine Zerstörung der Gewalt die Fülle des Lebens bedeutet. Im sacrifice Jesu steckt Lebenskraft, nicht Todesmacht; wer an es glaubt, wird sich von keiner noch so bedrohlichen Macht des Todes mehr schrecken lassen.

Ein solches Opfer ist eine Lebensressource für die Menschheit, nicht nur für Christen. Für diesen Glauben an die Erlösung von der Gewalt sind Christen in den Arenen der Machthaber gestorben. Es sind Leute wie Franz Jägerstätter hier aus der Nähe, der von den Nazis enthauptet wurde, weil er den Kriegsdienst kompromisslos verweigerte und dafür sogar das Wohl seiner jungen Familie zu opfern bereit war. Diese victimes sind Märtyrer, weil ihr sacrifice die Gewalt zerbricht, mit der sie zerbrochen werden; sie haben nichts mit der Religionsgewalt von Selbstmordattentätern oder der Kriegsgewalt politisch bewirtschafteter Helden zu tun.

Diese Differenz von victime und sacrifice sowie die Differenz von der Gewalt im Opfer und vom Opfer der Gewalt spielte im Konzept der Glaubensprozession der ER-Lösung keine Rolle; beide Opfer waren in diesem Konzept durchaus anwesend, aber es wäre an dieser Differenz künstlerisch nicht wirklich gearbeitet worden, so weit das natürlich bei einer Performance überhaupt gesagt werden kann, die nicht stattgefunden hat. Die Nicht-Arbeit an der genannten Differenz halte ich für ausgesprochen problematisch; denn daraus entstehen politische Verwechslungen, gegen die sich mein theologischer Protest richtet. In der Glaubensprozession war daran gedacht, im Wechsel biblische Texte zum Opfer und Opfertexte nicht-religiösen Ursprungs zu lesen. So wäre nach einer Rezitation von Jes 53, der auf den sog. Gottesknecht verweist, aus einem Buch von Houston Stewart Chamberlain vorgelesen worden, der einer Erlösung durch Glauben das Wort redet. Chamberlain gehört zum Bayreuther Umfeld von Richard Wagner und hat ebenso offen wie wirkmächtig dem Antisemitismus das Wort geredet. Der Gottesknecht gehört zu der Opferkategorie, mit der das Kreuz des Juden Jesus die Erlösung bringt; das hat buchstäblich nichts mit der Botschaft des Rassenhasses zu tun, für die Chamberlain kulturell so geistreich parlierte. Die inszenierte Nähe des jüdischen victime am Kreuz zum Bayreuther Antisemitismus hätte nicht nach Salzburg gehört und das wahrlich nicht, weil Bayreuth eine Konkurrenz in Sachen Festspiele ist. Das gleiche gilt für den ebenfalls konzipierten Kontrast zwischen der Apokalypse des Johannes mit einem Goebbels-Text, der das arische Loblied auf Opferbereitschaft singt.

Gegen das Defizit im Konzept der Performance, die Differenzen der zwei Opfer künstlerisch auch nur annähernd deutlich zu machen, muss ich protestieren. Dieses Defizit resultiert aus der Utopie einer opferfreien Welt, für die sich die Inszenierung stark gemacht hätte. Im Raum dieser Utopie wäre sie aber selbst nicht in der Lage gewesen, zwischen Macht und Ohnmacht im Opfer so hinreichend zu unterscheiden, dass der springende Punkt zu treffen wäre, an dem ein sacrifice Gewalt bringt und deshalb Macht einbringt oder an dem es der Gewalt strikten Widerstand entgegen bringt und dabei erlösende Ohnmacht aufbringt. Nun zum zweiten Grund, warum ich protestiere:

2. Die Erlösung bringt bereits eine ER-Lösung - das heterotopische Geschehen des männlichen Erlösers

Das Kreuz ist ein unmöglicher Ort der Erlösung. An ihm hängt ein zerbrochener Mann, der hingerichtete Jesus. Es galt damals als unmöglich und ist für viele bis heute nicht möglich, dass ein zerbrochener jüdischer Mann, der mit seiner Botschaft am eigenen Volk, der eigenen Religion und an der Militärmacht Roms gescheitert ist, der Ort von Gottes Präsens schlechthin ist. Die ER-Lösung verwechselt diesen Mann mit der männlichen Gewalt und mit dem Patriarchalismus, unter dem Frauen in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche über Jahrhunderte und in vielen Fällen bis heute zu leiden haben. Die Erlösung dagegen widersteht männlicher Gewalt und Patriarchalismus, weil sie ihre Basis, die männliche Potenz zur Gewalt, zerbrochen hat.

Das Kreuz des zerbrochenen Mannes bringt die Loslösung von Männerpotenz in Sachen Gott mit sich. Gott ist anders, als es eine unversehrte selbstherrliche Männermacht ins Wort bringen kann. Jesus ist in der Tat ein Mann und er bringt die definitive Erlösung. Aber nicht als Mann bringt er das, er bringt das vielmehr als zerstörter Mann ein. Die Zerstörung der männlichen Dominanz wird mit dem Kreuz Jesu vor Gott gestellt. In der konzipierten Performance der ER-Lösung wird der Erlöser aber mit seiner Männlichkeit verwechselt. Sie konnte daher nicht benennen, dass es in dem zerbrochenen Mann am Kreuz um die Art von Erlösung geht, der sie das Wort redet - die Auflösung von Gewaltverhältnissen, unter der Menschen leiden und unter denen noch einmal tiefer die Frauen zu leiden haben.

Man darf und kann den zerbrochenen Mann am Kreuz durchaus mit Frauen ersetzen, die Opfer nicht zuletzt von männlicher Gewalt werden, Frauen wie jene Osteuropäerinnen, die am Kreuz des heutigen Sex-Traffic in die westeuropäischen Bordelle geschleust werden. Diese Ersetzung wäre ein Ausdruck dessen, was Erlösung bedeutet, die Verwechslung des männlichen Erlösers mit seiner Männlichkeit führt dagegen von solchen Opfern weg. Deshalb stand sich die Performance mit ihrem utopischen Glauben selbst im Weg. Sie wollte signifikant von dieser Logik weg: "Das Leid kommt vor der Seligkeit." (so in der Ankündigung) Aber die drei Tage von Karfreitag, Karsamstag und Ostern sagen gerade nicht: zuerst muss ein Opfer ordentlich am Kreuz gelitten haben, ehe die Seligkeit der Osternacht gewährt wird. Es geht an den drei Tagen vielmehr darum: Ohne entlarvende Konfrontation mit dem Leiden kann nicht gesagt werden, was denn eine erlöste Seligkeit überhaupt bedeutet. Das bringt mich zum letzten Punkt, den nackten Körpern.

3. Der zerstörten Nacktheit nicht ausweichen - von der Raum greifenden Macht werbender Sexualität zur Gewalt entlarvenden Ohnmacht eines erlösenden Lebensraumes

Am Kreuz des Karfreitags hängt ein zerstörter männlicher Körper, dessen Nacktheit die Kunstgeschichte aus Pietätsgründen in der Regel übermalt und verschwiegen hat. Jesus am Kreuz ist ein nacktes Leben, ein regelrechter homo sacer, wie ihn Giorgio Agamben als nomos der Moderne brandmarkt. In der Werbung für die Glaubensprozession wird ein Kreuz gezeigt, an dem eine nackte Frau hängt; es handelt sich nicht um die Künstlerin, die bei der Performance die Stelle des Opfers eingenommen hätte, sondern um ein Model. Dieser Körper ist - gottlob! - nicht zerbrochen und zerstört. Er ist ohne Wundmale und strahlt ein hohes Maß an Attraktivität aus; er ist schön und verfügt über eine erregende Potenz.

Das Problem des Werbebildes liegt nicht der Nacktheit, das Problem liegt vielmehr im Verhältnis der Nacktheit von männlichem und weiblichem Körper. Ein attraktiver weiblicher Körper rückt an die Stelle eines geschundenen männlichen Körpers, um Kirche und Gesellschaft mit der Gender-Frage des weiblichen Geschlechts zu konfrontieren. Beide haben in dieser Frage Defizite und durchaus Nachholbedarf, das sei gar nicht in Frage gestellt. Dieser Austausch am Kreuz verwechselt jedoch zwei Größen, die durchaus nicht voneinander zu trennen sind, die aber nicht vermischt werden dürfen: Sexualität und Macht.

Der zerstörte männliche Körper ist kein Zufall am Kreuz - Gewalt ist immer noch überwiegend männlich. Selbstmordattentäterinnen sind gottlob immer noch die Ausnahme. Öffentliche, politische, intime Gewalt geht weit eher von Männern aus. Diese Gewalt bringt ihnen Macht ein - nicht zuletzt über Frauen. Darauf hebt die Nacktheit des zerbrochenen Männerkörpers Jesu aber gerade ab. Denn Nacktheit ist nicht einfach eine sexuelle Größe, vielmehr verändert Nacktheit einen Raum. Das tut sie so sehr, dass speziell die Nacktheit, die wir im Erleben der sexuellen Potenzen unserer Körper benötigen und suchen, aus der Öffentlichkeit herausgehalten wird. Wenn wir miteinander intim werden, dann suchen wir nach intimen Orten, weil der Blick der anderen diese Veränderung des Raumes nicht erträgt oder wir den Blick der anderen auf diesen Ort dann nicht ertragen.

Mit Nacktheit tritt nicht einfach Sexualität auf, mit Nacktheit tritt vielmehr Macht auf. Das kann die Bio-Macht der Sexualität über die Körper sein, das kann die Macht politischer Gewalt sein, die jemanden demonstrativ bis auf sein nacktes Leben auszieht, um ihn bloß zu stellen. Mit dem nackten Jesus am Kreuz tritt Macht in einem politischen und religiösen Sinn auf; sie demonstriert ihre Gewalt an seinem zerstörten, zur Schau gestellten Körper und zwar an der Ohnmacht dieses Körpers, der noch nicht einmal mehr seine Nacktheit verhüllen kann. Gott ist an einem solchen Ort des nackten Lebens präsent. Er schielt nicht auf die Täter, die Macht demonstrieren wollen, sondern ist mit dem Opfer solidarisch, das auf das bloße Leben reduziert ist. Der Karfreitag feiert das Gedächtnis des Opfers, er zelebriert nicht den Hinweis auf die Täter.

Der nackte Frauenkörper im Werbeplakat der ER-Lösung trifft diese Dimension eines nackten Lebens nicht. Seine Nacktheit hängt an der Bio-Macht von Sexualität. Dieser Körper ist attraktiv, ein Blickfang; er beschwört Erregung herauf. Seine Werbung bietet keine bedrängende Gegenwart, von der man sich mit Schaudern über die Male der Gewalt abwendet. Die nackte Frau am Kreuz kann keinen homo sacer darstellen, wenn die Macht nicht in den Raum tritt, die im zerstörten männlichen Körper am Kreuz auftritt: die Macht des Todes. An diese Macht hätte sich die Performance, so weit das aus dem Konzept zu ersehen ist, nicht heran gewagt. Deshalb bleibt die nackte Frau am Kreuz hinter der Unmöglichkeit zurück, die künstlerisch am Kreuz anzutreffen wäre.

Die konzipierte Performance der ER-Lösung zeigt meines Erachtens große theologische Schwächen auf. Mein Protest richtet sich dagegen, dass kein Versuch erkennbar war, diese Schwächen zu überwinden. Das ist aber auch für den künstlerischen Wert dieser Aktion problematisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine starke Kunst sich eine schwache Theologie leistet.

Reaktionen auf „ER-Lösung“ in den Medien

© Hans-Joachim Sander, DrehPunktKultur

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