
Stimmakrobatik und Jazzband-Feeling
Theo Bleckmann und die George Garzone Stage Band im Auftrag des Jazzseminars am Donnerstag (21.7.) im Jazzit.
Nicht vielen wohl ist Theo Bleckmann geläufig, Dozent für Gesang beim diesjährigen Jazzseminar. Wie’s dann am Donnerstag (21.7.) im Jazzit geklungen hat, war sicherlich nicht das, was man erwartet hat. Völlig allein auf der Bühne, ganz in Weiß gekleidet, zeigte der gebürtige Deutsche und ausgewanderte New Yorker dem erstaunten Publikum, was man mit Stimme alles machen kann und wie man sie perfekt einsetzt. Große Tonsprünge, zum Verzweifeln schwer zu singen, waren sauber und und die Klangfarbe von satt bis dünn und hauchig, keuchend, stöhnend von Ton zu Ton verschieden. Es wurde mit der Stimme experimentiert, aber auch wirklich melodiös gesungen, sogar mit Texten über Selbstfindung, Liebe und Leben, die durch ihre Schlichtheit und Trefflichkeit das Gesungene gekonnt untermalten. Für den sehr an Tibet, Buddhismus oder an amerikanische Ureinwohner erinnernden, fast meditativen Track wäre Theo Bleckmann ohne sein flexibles Aufnahmeprogramm hilflos gewesen. So ergab sich ein dichtes Klangbett aus wiederkehrenden Tönen „vom Band“, das immer mehr ausgeweitet wurde. Weitere Utensilien wie ein Minimegaphon, Stimmverzerrer, ein Teddybär mit Sprachfunktion im Hintern waren unerlässlicher Teil des Auftritts.
Nicht nur singen kann der Bleckmann, auch Klavier spielen, selbst wenn er teils ganz tief in die Notenblätter schauen muss. Ebenfalls großes Thema: die eigenständige Interpretation von Standards und Liebesliedern, die durch stimmungsvolle Akkorde und etwa stotteriges Singen bestimmter Wörter auszudrücken vermag, dass da mit der Liebe was nicht stimmt und alles doch nicht „true“ und „forever“ ist. Musikalisch etwas eigenwillig und zerrüttet, aber gerade dadurch hoch interessant, wie durch Geräusche und Effekte die Aussage eines Liedes ins Gegenteil umschlagen kann. Und die Schattenseiten der Liebe kennt wohl jeder.
Theo Bleckmann ist nicht nur Komponist und Sänger, sondern Improvisateur, Innovateur, und vor allem Performancekünstler. Man wird von seiner Person gefesselt. Die Qualität seiner Musik bekommt erst auf der Bühne den entscheidenden Kick.
Nach der Pause echter Jazz, wie man ihn kennt und schon seit Jahrzehnten immer gern hört. Vorgetragen von einer weiblich dominierten Band bestehend aus Ingrid Jensen, Dozentin für Trompete, und den ehemaligen Jazzseminarteilnehmern, die sich schon anderweitig etabliert haben: Philippine Duchateau am Klavier, sowie Gina Schwarz am Kontrabass. Auf der anderen Seite der Amerikaner George Garzone, Dozent für Saxophone und Klemens Marktl am Schlagzeug. Und da gings flott dahin, nicht lange gefackelt. Jazz der alten Schule könnte man fast sagen, erstaunlich frei von irgendwelchen geräuschhaften Helferleins. Motiv war da, dann ein Solo, man klatscht, und der nächste bitte. Bei aller Liebe, aber viel Energie und Leidenschaft kam da nicht gerade von der Bühne.
Vor allem Garzone und Jensen an der Front gaben ein derart mürrisches, lahmes, sich fast gegenseitig ausspielendes, verkrampftes Paar ab, dass man die hintere Reihe der jungen Musiker nach vorne hätte stellen wollen. Vor allem beim Schlagzeug war nämlich viel Freude am Tun zu erkennen. Und die Musikerinnen an Klavier und Bass, die mit den Oldies vorne locker mithielten, verströmten sympathische Natürlichkeit und Charme. Hat natürlich nichts mit der fabelhaften spielerischen Fähigkeit aller Beteiligter zu tun, aber irgendwann wurde es doch etwas fad in dem jazzigen Dauergewusel, das fast immer gleich klang und sehr wenige spannende Momente besaß. Kleiner Lichtblick, der Garzone traute sich ans Mikrofon, mehr Lacher als Kracher und wahrscheinlich auch nicht erst gemeint. Nun denn, wieder einmal sehr ambivalente und vielfältige Musiker, Stile und Begeisterungspotenziale beim letzten Konzert des Jazzseminars.
© Julia Well, DrehPunktKulturLinks:
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