
Sag zum Abschied noch mal "Wir spielen uns frei"
Im Angesicht des sicheren Endes klingt jede Zeile immer anders - Bei Blumfeld bedeutet das: Alles klingt immer gut.
Jedes Ende bringt den Blick in den Rückspiegel mit. Und dieser Blick lässt Sätze und Zeilen ganz neu klingen. "Wir kommen ungefragt und gehen ungefragt" aus dem Lied "Eintragung ins Nichts" etwa. Da wird klar, worum es immer gegangen ist: Selbstbestimmung - und wenn die nicht erreichbar ist, dann geht es eben um die, manchmal in Verzweiflung gesuchte, Möglichkeit zur Selbstbestimmung. In der Melancholie, die ein sicherer Abschied birgt, bekommen solche Zeilen eine eigentümlich düstere Färbung. Was haben wir erreicht? Haben die Bemühungen Sinn gemacht? "Komm, sag es allen: Wir sind frei", singt Jochen Distelmeyer. So unbeschwert, so unterhaltsam wie seine Band Blumfeld am Sonntag in der ARGEkultur aufspielt, wird dieser Satz seiner ursprünglich gesellschaftspolitischen Aussage entrissen. Eine halbe Stunde ist das Konzert der Hamburger Band da alt. Distelmeyer fordert zum Mitsingen auf. Es soll eine Party werden mit kritischem Unterton. Das zu erzeugen, darin waren Blumfeld immer stark. Der Satz vom Freisein gilt heute ganz einfach für eine Band, die nichts mehr zu verlieren hat - und die einmal noch tun will, was sie kann: Große Musik machen, mal geradlinig rockig, dann wird beschaulich poppig. Das Vorhaben gelingt. Blumfeld - benannt nach einer Figur bei Franz Kafka - sind noch die nächsten Wochen auf Abschiedstournee. Im Jänner gab das Quartett bekannt sich aufzulösen. Das tun Bands dauernd irgendwo. Doch der Abschied Blumfelds hinterlässt eine besondere Lücke, weil es sich um die bedeutendste deutschsprachige Band der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte handelt. Ab 1991 erschlossen sie Themen, die in der deutschen Popmusik zuvor niemals so intensiv verhandelt wurden. Persönliches wurde dabei nie zu Betroffenheitssongs, sondern immer im gesellschaftlichen Diskurs angesiedelt. Gesellschaftskritik und Naturpoesie, Liebeslied und sozialer Vorschlaghammer - das stand hier auf dem gleichen Text- und Notenblatt.
Nichts, was Blumfeld sagten, wäre zuvor nicht auch schon gesagt worden. Aber die Haltung dieser immer politischen Köpfe, ihr unerschrockenes Spiel zwischen den Stilen (das am Ende doch immer wieder einen unverkennbar eigenen Klang erzeugte) und das ungeheure Talent von Sänger und Texter Distelmeyer, seine Worte punktgenau hinzuschreiben auf die Stelle zwischen Allgemeingültigkeit und persönlicher Regung, das erhebt Blumfeld über alle anderen. Niemals landeten sie im dumpfen Klageliedwinkel des Protestpops. "Wir sind frei", einer der intellektuellen und emotionalen Höhepunkte beim Salzburg-Konzert, kann exemplarisch für die Selbstbetrachtung von Blumfeld stehen, aber eben auch für ihre Art, wie die Welt sie wahrnimmt: "So kreisen wir schon länger hier/durch unbegrenzte Weiten/Wir suchen was, das es nicht gibt/seit ein paar Ewigkeiten."
Was gut war, wird im Fall eines gewissen Endes gern überhöht. Im Fall von Blumfeld gliche solch eine Überhöhung einer Übertreibung. Was - wie auch ihr letzter Salzburg-Auftritt zeigt - daran lag, dass diese Band nie Schlechtes machte. Nie und nie mehr.
© Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten
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