
Im Hinterhof der Gefühle
Zurück in die achtziger Jahre, als man noch mit Schilling für käufliche Liebe zahlte: "Diskret - eine Peepshow" mit Andrea Händler am Donnerstag (13.12.) in der ARGEkultur.
Es ist bereits mehr als 10 Jahre her, seit Andrea Händler mit "Diskret" ihre Karriere als Kabarettistin nach Schlabarett solo fortsetzte und dabei mit ihrem gewagten Blick hinter die Kulissen eines Peepshow-Tempels, beachtliche Anerkennung bei Publikum und Presse erzielte. Nun entschied sich die Wiener Künstlerin, ihr Erfolgsprogramm wieder auf die Bühne zu heben, doch entgegen üblicher Gepflogenheiten auf Updates bzw. Anpassungen an die Gegenwart zu verzichten.
Und so begleitet "Diskret" irgendwo in den achtziger Jahren die just vor Weihnachten entlassene und im Zwang, ihren Eltern zu gefallen, gefangene Alice auf ihrem Weg in die Peep-Show. Doch nicht als Besucherin, sondern als "Tänzerin" will sie hier das nötige Geld - Schilling, nicht Euro - verdienen, um den finanziellen Engpass zu füllen. Sattelfest im Slang des Milieus und in bewusstem Zugriff auf Berufs-immanente Unappetitlichkeiten leuchtet Andrea Händler die Abwege der (männlichen) Seele aus und führt mit großem schauspielerischem Geschick Typen und Figuren des rot-lichtigen Geschäfts vor: Da trifft die vom Treiben der Peep-Show angewiderte Putzfrau auf die "Spätberufene", begegnet der grantelnde Hausmeister der auf die eine Tanzkarriere hoffenden Studentin. Und mitten drin wird Alice unverblümt in die Realität des Gewerbes eingeführt. Sie alle verbindet die Hoffnung auf leicht verdientes Geld und das Wissen um die gesellschaftliche Notwendigkeit und gleichzeitige Geringschätzung ihrer Dienste.
Da ist auch auf der Kleinkunstbühne kein Platz für Tabus und Peinlichkeiten. Vielmehr wirbelt "Diskret" so manch Verderbendes und Verdorbenes im Hinterhof der Gefühle auf. Dem verdutzt erscheinenden Publikum bleiben die Lacher oft im Hals stecken. Freilich wirkt die derbe und bisweilen allzu heftig ausgepresste Sprache Händlers als Lachmagnet schon zu abgegriffen, zu oft von anderen Schlabarettisten ausgenommen. Auch ist die Reizschwelle heutiger Besucher wohl durch das gestiegene Maß an zwielichtigem Film- Und Video-Angebot, ob online oder terrestrisch, über gewisse Hürden hinweg verschoben.
Da lässt sich also nicht mehr mit jedem unter der Gürtellinie angesiedelten Spruch Kapital schlagen. Doch es ist der unbefangene Charme und die gelöste Offenheit, mit der Andrea Händler ihr Erfolgsprogramm vermittelt, die für gute Unterhaltung und zahlreiches Schmunzeln im Publikum und, wenn es nach Händlers Vorstellungen geht, in dessen Schlafzimmern sorgt bzw. sorgen wird.
© Oliver Baumann, DrehPunktKultur
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