
Komik ist im Windhauch und im Sturm
Ars Vitalis, das bereits 1979 gegründete Berliner Dada Trio, war mit seinem Programm "Fernwehen" zu Gast in der ARGEkultur: "Nouveau Cabaret" - falls es den Begriff nicht gibt, sei er hiermit eingeführt - vom Feinsten.
Ein ältlicher Cherub ("Ich habe vier Flügel, die sitzen mir genau unter der Erinnerung"), ein Heimito von Doderer-Double und ein distinguierter Schöner mit grauen Schläfen erzählen Geschichten vom Wind, von Atembeschwerden und vom Geist, der weht, wo er will.
Manchmal will er auch gar nicht - und dann wird statt der Windmaschine eben die Kurbel eines Spieldöschens angeworfen und statt Sturmesbrausen ziehen silbrige Töne durch den Saal - schließlich war ja auch der Herr weder im Erdbeben noch im Sturmwind ...
Im Zirkus kennt man das ja schon länger. Die Seiltänzer und Clowns und Schlangenmenschen treten nicht einfach hintereinander auf, wie in der Nummernoper, sondern erzählen mit ihren Künsten kleine Geschichten. Dass das Ganze oft ins Abseitige tendiert und die Artisten nicht nur auf dem Schlappseil in Schräglage geraten, ist das Schönste am "Cirque Nouveau".
Beim Kabarett war ein solcher Ansatz - zumindest hier in Salzburg - noch nie zu erleben. Kabarett scheint nach wie vor die plumpe, sprachlich mehr oder weniger gelungene Auseinandersetzung mit jenen tagesaktuellen Themen zu sein, über die man sich beim Zeitungslesen schon geärgert hat.
Ganz anders Klaus Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher. Mit ihrem Programm "Fernwehen" schlagen Ars vitalis die Antworten auf Menschheitsfragen in den Wind: Da wird über Windbeutel reflektiert und ein Metronom, das auf die schiefe Bahn geraten ist, solange gerade gerückt, bis es richtig tickt. Einer plagt sich mit der Ankündigung eines Titels "Tohuwabohu" - vielleicht meint er auch "Torha", mit spanisch behauchtem "(c)h" - jedenfalls lauert der Geist Gottes (ruach) hinter jedem Eck. Und wenn nicht, kommt es zu einem Asthma-Anfall.
Es braucht nur ein paar Worte, einen Halbsatz - Vogelfedern, wirbeln, Sohn - und die Tragödie von Ikarus entfaltet sich innerhalb der zerschlissenen Zeltbahnen (in die man sich im Notfall auch mal hineinschneuzt, verstohlen allerdings).
Ja, und das Ganze natürlich mit Musik. Der Cherub ist für Gitarre, Ukulele und ähnliches zuständig. Doderer kehrt (mit dem Bartwisch) das Schlagzeug und der Schöne bedient eine Art Regal, ein Schmuck-Kästchen, dessen Türchen in Wirklichkeit Blasebälge sind. Die Luftsäulen in Blasinstrumenten und ihre Stimmbänder setzen alle drei Herren in Schwingung. Ob Jazz-Standards, altenglische Lieder zum Dudelsack-Obligato, Spirituals oder Tanzmusik auf Bestellung - auch die Musik folgt den Gesetzen von Ars Vitalis: brillant und absolut unvorhersehbar.
Wenn es mitten in einer Nummer Meinungs-Verschiedenheiten und Auffassungs-Unterschiede hinsichtlich Phrasierung oder Artikulation gibt, dann wird mit sinnfreien Silben und wildem Augenbrauen-Drohen diskutiert - bis aus der Ballade ein Blues wird, oder umgekehrt.
Die ernstgesichtige Komik, mit der Ars vitalis dieses poetisch-musikalische Pandämonium entfesseln, entfesselt erlösende Lachanfälle über Sein und Nichtsein.
© Heidemarie Klabacher, DrehPunktKultur
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