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Presse | Oliver Baumann, DrehPunktKultur, 30.05.2008

Spermalacke als Gottesbeweis

"Ich hab' nur mit negativen Reaktionen gerechnet", meint Charlotte Roche im zweiten, den Fragen des Publikums gewidmeten Teil der Lesung aus ihrem Debütroman "Feuchtgebiete" am Donnerstag (29.5.) in der ARGEkultur.

Dabei hat das Buch, entgegen allen Befürchtungen, vor wenigen Tagen die magische Grenze von 500.000 verkauften Exemplaren überschritten. "Aber, dass das veröffentlicht wird, war für mich immer klar." Dabei wären auch Flop und nicht enden wollende Verrisse für "Feuchtgebiete" denkbar gewesen, handelt der Roman doch weitestgehend von intimen Fantasien, Ausflüchten und Experimenten der 18jährigen Anti-Heldin Helen Memel, in deren Folge sie im Krankenhaus auf die Behandlung ihrer Analfissur wartet. In dieser von Ängsten und trotzigen Bekenntnissen zur sexuellen Freizügigkeit geprägten Stimmung gibt sie den Leserinnen und Lesern Einblicke in ihre Sexual- und Hygienepraktiken.

Charlotte Roche setzt in ihrem bei DuMont erschienenen Erstling gezielt auf Provokation durch Pornographisches und "unmädchenhafte" Ausdrucksweise. Die Ansammlung an tabuisierten Spielarten des Geschlechtsverkehrs, der Selbstbefriedigung und des Erlebens des eigenen Körpers und die explizite Weise, in der sie die bisweilen durchaus unappetitlich anmutenden Eskapaden der jungen Protagonistin aufführt, schreckten nicht nur den Kiepenheuer & Witsch-Verlag ab, "Feuchtgebiete" zu drucken, sondern brechen vielmehr eine Lanze gegen das Frauenbild der "Germany's-next-Topmodel"-Generation. Was als anstößig und abstoßend gilt, gefällt.

Helen Memel erlebt ganz bewusst und ohne verklemmte Moralvorstellungen die Auswüchse ihrer Körperlichkeit, wie sie auftreten, genießt ihre Körperflüssigkeiten, wie sie austreten und lässt ihren Körperöffnungen alle Aufmerksamkeit zukommen, die ihnen die Generationen davor verwehrt haben: die Stunden später austretende Spermalacke als persönlicher Gottesbeweis, "Blumenkohl" genannte Hämorrhoiden statt Enthaarungscreme und Mösenschleim gegen Mamis Unterwäsche-Regeln.

Da liegt es nicht fern, dass die feministische Literaturwissenschaft in Roche eine neue Vorreiterin ihrer Ziele zu sehen glaubt, den Tabubruch als Emanzipationsschritt deuten will. Doch gegen diese Interpretation und gegen eine allzu schnell verkrampfte Herangehensweise an die aufgegriffenen Themen setzte sich die 30jährige in Köln lebende Moderatorin und Schauspielerin auch an diesem Abend in Salzburg im ARGE Saal zur Wehr. Mit sympathischem Charme, mädchenhafter Naivität und vermeintlicher Schüchternheit macht sie den "Saukram" zu ihrer persönlichen Sache, sind doch rund 70% des Weges von Helen Memel laut Roche autobiographisch, manch sexuelle Selbsterkundung (mit ihren negativen Folgen) schon durchlebt.

So gefällt sich die für ihre individuelle Musikauswahl und provokanten Interviews umjubelte Moderatorin der einstigen Viva-Sendung "Fast Forward" sichtlich in der Rolle der schlecht getarnten "Analtante" und gibt sich vor vollem Hause gelassen, entwaffnend offen und sprachlich trickreich. Und genießt sichtlich den Erfolg des Buches, der ihr die willkommene Unkonventionalität als Lebensprinzip ermöglicht und streitbare Moral- und Hygienevorstellungen als neues Spielfeld der persönlichen Rebellion erschlossen hat.

© Oliver Baumann, DrehPunktKultur

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