
Körper ertanzt Wirklichkeit
Das Salzburger Festival "sommerszene08" will die Möglichkeiten der Tanzmittel erforschen lassen - Mit hervorragenden Arbeiten, u.a. von Forsythe
Zu Beginn gab es herausragende Arbeiten von William Forsythe, Thierry De Mey und Brice Leroux.
Markante Arbeiten der jüngeren Gegenwart zu Beginn, und alle ein Erfolg: William Forsythes Three Atmospheric Studies, die Installation From Inside des belgischen Filmers Thierry De Mey und Quantum Quintet von Brice Leroux aus Brüssel - sie zeigten, was Bewegung im heutigen Tanz heißt.
Die "Atmosphärenstudien" des 58-Jährigen haben sich seit ihrer Frankfurter Uraufführung vor drei Jahren stark verändert. So wie eben bei Forsythe üblich. Der ursprünglich von einer raffinierten Lichtinstallation von Spencer Finch und Sätzen auf grauen Wänden geprägte erste Teil ist einer großen Gruppenchoreografie gewichen. Nun üben sich die Tänzer bei neutraler Beleuchtung symbolisch in der Bearbeitung von Konflikten.
Es folgt ein Dialog zwischen einer Frau und dem Übersetzer ihrer Worte. Der Akt des Übersetzens? Mehr und mehr ein Instrument der Bevormundung, die Gewalt der Sprache nimmt überhand, die Worte geraten in Aufruhr, und das Gesprochene windet sich als Klangmonster auf der Bühne. Die Sprache als Mittel der Manipulation, als Hülle und als Floskelkonstrukt markiert am Ende ein Kriegsterrain, in dem Kommunikation und Körper gleichermaßen zerstört darniederliegen. Three Atmospheric Studies ist im Vergleich zur Uraufführung nun klarer in seiner Aussage und noch rigider als Statement gegen die Gewalt an den Worten und den Missbrauch von Menschen durch Sprache.
Eine Arbeit von Forsythe, One Flat Thing, übersetzt in eine Filmebene, ist auch Teil der interaktiven Installation From Inside von Thierry De Mey. Das Publikum kann drei Themen wählen: einmal die Forsythe-Tänzer, die sich in einem Arrangement aus Tischen bewegen; zum Zweiten vier Personen, die sich in Alberto Burris Land-Art-Memorial für die 1968 von einem Erdbeben zerstörte sizilianische Stadt Gibellina bewegen; und drittens berührende Szenen aus Kongos Hauptstadt Kinshasa.
Die Körpergespräche
Drei Leinwände bilden eine große Nische, die dem Filmmaterial den Anschein von Dreidimensionalität verleiht. Die Benutzer können entweder auf den Sound oder auf den Ablauf der Filme Einfluss nehmen. Sie kommunizieren durch Körperbewegungen auf einem Lichtbalken-Menü mit einer Maschine. Dabei geht es aber nicht um ein Revival der Medienkunst als technische Performance, sondern direkt um eine Choreografie von Nutzern und Bildinhalten.
Der in Brüssel lebende Tänzer, Choreograf und Musikwissenschafter Brice Leroux verwandelt seine Bühne in einen konzeptuellen Live-Projektionsraum. Bei starker Verdunkelung sind lediglich die schwach beleuchteten Unterarme der fünf Tänzer zu sehen, die sich zu Sounds zu permanent verändernden Zeichenstrukturen formen. Dieses "Quantum Quintet" erinnert stark an abstrakte Experimentalfilme von Hans Richter bis Leo Schatzl. Durch die Liveperformance wird dabei eine unheimliche Räumlichkeit vermittelt.
Diese Arbeit beeindruckt durch ihre tänzerische Präzision und die Konsequenz, mit der Elementarteile der menschlichen Geste in eine technoide Komposition verwandelt werden. Radikal entzieht Leroux der Bühne ihre Eigenschaft als erzählerischer Theaterkasten. Dadurch wird die Funktion der Black Box als Transformator zwischen Projektion und Realität betont. Wie bei Forsythes Premierenfassung von Three Atmospheric Studies geht es auch hier um die Schrift an der Wand. Bei Leroux allerdings erscheint sie wie das Flackern von Übersetzungssignalen im Kopfraum, die nicht über Zeichenformen, sondern über sequenzielle Impulse Sinn transportieren.
Körper im Übergang
Leroux zeigt sich hier wieder als Vertreter einer strukturellen Choreografie, die - im Gegensatz zum tänzerischen Konzeptualismus - weniger auf Körperrepräsentationen als auf den Übergang des Körpers in eine andere Wirklichkeit hinzielt. Dahinter steht auch ein politisch zu lesender Verweis darauf, dass die Welt der Technokodes dabei ist, die der Menschlichkeit zu verschlingen. Denn zu Beginn und am Ende des Stücks sieht sich das Publikum in einer überdimensionalen Spiegelfläche, hinter der die Zeichentänzer agieren.
Keine der drei Arbeiten verwässert ihr kritisches Potenzial durch didaktische Vordergründigkeit, weder Forsythes inferiore Übersetzungsmaschine noch De Meys soziokulturelle Diskurse produzierendes 3-D-Gerät. Und auch nicht Leroux' fantastischer Semiotiksimulator. Aber alle drei geben an unterschiedliche Wahrnehmungsebenen deutliche Stellungnahmen ab.
Das Thema "Tanz" in diesem Festival ist keine Nabelschau eines Genres, das wieder zu seinen Wurzeln finden will, sondern eine Herausforderung an die Kunstform, zu zeigen, wozu ihre Mittel gut sind.
Bis zum 19. Juli werden das auch Anne Teresa De Keersmaeker, Dave St-Pierre, Michikazu Matsune & David Subal und Padmini Chettur versuchen.
© Helmut Ploebst, Der Standard
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