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Was sind QR-Codes?

Hier gehts nicht um die neueste Technik zur Identifikation der relativen Einwohnerzahl von Queensland, vielmehr kann Mann oder Frau mittels QR-Codes verschlüsselte Botschaften beispielsweise im urbanen Stadtraum hinterlassen. Womit wir im Fall von Salzburg also doch wieder bei relativ wären was die Urbanität betrifft.

19.11.2008

Eröffnungsrede zur guerilla convention 08

von Julius Deutschbauer und Gerhard Spring (13.11.2008)

D: Sehr verehrte Damen
S: und Herren,
D: liebe Freundinnen
S: und Feinde,
D: hiermit begrüßen wir Sie zur Eröffnung des Festivals
S: guerilla convention
D: in der ARGEkultur Salzburg.
S: Alle wissen wir, was guerilla ist,
D: d.h., wir stimmen darin überein
S: und in dem Sinn wissen wir auch, was guerilla convention ist,
D: eben diese Übereinstimmung in punkto guerilla,
S: eine Art Kleinkriegsübereinkunft,
D: die in einer willkürlichen Weise zustande kommt,
S: indem wir sie zum Beispiel
D: wie soeben geschehen
S: uns und Ihnen einfach einmal gemeinsam unterstellen.
D: Wie weit wir Ihnen damit Gewalt antun, das können Sie freilich nicht wissen,
S: weil Sie ja auch nicht wissen, was wir unter guerilla verstehen,
D: womit zumindest gesagt ist, dass wir wenigstens,
S: wir zwei beide nämlich,
D: darin übereinstimmen, was guerilla ist.
S: Eine convention setzt eine Menge von mindestens zwei Personen voraus,
D: die sich willkürlich darauf festlegen, übereinzustimmen.
S: Die Übereinstimmung in dieser Mindestmenge,
D: unser konventionelles Element,
S: bedeutet nicht, dass wir uns deshalb in Harmonie auflösen,
D: wohlfertig und friedgesonnen,
S: aufeinander abgestimmt,
D: rundum sympathisch,
S: ganz in Freundschaft,
D: ganz im Gegenteil.
S: Nur vor dem Hintergrund einer Übereinstimmung ist die Auseinandersetzung verständlich,
D: die unsere Feindschaft unverblümt ans Licht zerrt.
S: Deshalb auch unsere feierliche Anrede,
D: sehr verehrtes Publikum,
S: das ist unser erster Feindbegriff,
D: den wir natürlich in Ehren halten,
S: in der Hoffnung, zugleich mit diesem Festival
D: guerilla convention
S: auch diese Feindschaft zu eröffnen,
D: die gegenseitige,
S: gegen uns gerichtete,
D: sowie die gemeinsame,
S: gegen das Publikum gerichtete,
D: an welcher Stelle Sie sich glücklicherweise befinden,
S: auf der Grundlage einer willkürlich unterstellten guerilla-Übereinstimmung,
D: Kleinkriegsübereinkunft,
S: die wir im folgenden treffen wollen.
D: Um diese nicht von vornherein zu verfehlen, müssen wir vom Begriff des Feindes vor allem den moralischen Charakter abziehen,
S: sowie seine logische Abhängigkeit vom Begriff des Freundes.
D: Jeder von uns selbst ist so ein Verhältnis,
S: das sich zu sich selbst verhält,
D: indem es sich von der Vorstellung eines anderen unterscheidet,
S: der gerade in dem Falle einer Übereinstimmung,
D: convention,
S: unmittelbar sein Feind ist.
D: Das geschieht jeweils nur in einem direkten Gegenüber,
S: einem Selbst-sein über Gegen-sein.
D: Es geht aber auch nicht darum, dass jeder mit sich selbst uneins ist,
S: was sich ja von selbst versteht,
D: und wozu wir genauso oder noch besser zu hause bleiben könnten,
S: sondern dass jeder in der Lage ist, sich zu jeden anderen als dessen Feind aufzustellen,
D: und damit gemeinsam gegen wieder andere zu positionieren,
S: als deren Feinde
D: aufgrund einer grundsätzlichen Übereinstimmung,
S: ausgehend von einer Mindestmenge von zwei.
D: Wo zwei in einem Namen vereint sind,
S: oder Decknamen,
D: da ist der Streit schon mitten unter ihnen,
S: wie abgemacht
D: auch und vor allem gemeinsamer Widerstreit gegenüber einem Dritten,
S: als Publikum, das über kurz oder lang Partei ergreift,
D: für einen von zwei
S: oder gegen beide,
D: wofern es nicht mehr oder weniger gelangweilt das Weite sucht,
S: und insofern hinterhältig in die Flucht geschlagen,
D: ebenso hinterhältig als besiegt zu betrachten ist.
S: Wie Ihnen,
D: sehr verehrtes Publikum,
S: schon aufgefallen ist, fassen wir damit die beiden Begriffe des Festivals,
D: guerilla convention,
S: sowohl als Widerspruch wie auch als Einverständnis auf,
D: in dem Sinn, in dem bereits guerilla selbst
S: beziehungsweise Kleinkrieg
D: Einverständnis voraussetzt
S: beziehungsweise convention,
D: und umgekehrt, Einverständnis Kleinkrieg
S: beziehungsweise guerilla.
D: Dieses gegenseitige Voraussetzungsverhältnis zweier Begriffe,
S: die einander
D: - wie ein Selbst und Anderes -
S: unmittelbar ausschließen,
D: dieses Selbstverhältnis-durch-ein-anderes
S: beziehungsweise dieses Durch-einander-Verhältnis eines jeden selbst,
D: ist zunächst ein formales Merkmal und hat einen entsprechend formalen Namen:
S: die paradigmatische Opposition,
D: das antagonistische Verhältnis aller Dinge, die einem Paradigma entstammen.
S: Mit einem allein greife ich schon eine Dichotomie von mindestens zwei heraus,
D: von denen jedes für die Existenz des anderen denknotwendig ist,
S: obgleich eins das andere auslöscht,
D: sofern beides an ein und der selben Stelle Platz greift.
S: Nehmen wir als diese Stelle die des konkreten Ereignisses hier und jetzt,
D: in dem wir als zwei Eröffnungsredner ebenso einander wie auch Ihnen gegenüberstehen,
S: dann liegt auf der Hand, dass wir uns,
D: obwohl wir uns als sogenanntes Duo gegenseitig voraussetzen,
S: nicht an dieselbe Stelle setzen,
D: nicht vereinen, ohne uns damit aufzugeben,
S: noch gemeinsam an Ihre Stelle setzen,
D: da wir in dem einen Fall kein dialogisierendes Duo wären,
S: sondern ein monologisierendes Singel,
D: und da wir in dem andern Fall keine Eröffnungsrede halten würden,
S: sondern derselben zuhören würden,
D: sofern Sie sich im Gegenzug an unsere Stelle setzten.
S: Dieses Beispiel zeigt
D: in all seiner tieftraurigen Möglichkeit
S: eine ebensolche Möglichkeit des Ausgleiches,
D: des interaktiven Austausches.
S: Man spricht von ein und derselben Stelle als der eines Sprecher-Hörers,
D: eines kommunikativen Aktanten-Passanten,
S: ebenso interpassiv gestimmt wie sein Gegenüber.
D: Hiermit würden wir freilich nicht dieses Festival eröffnen,
S: sondern ein ganz anderes,
D: welches unter einem ganz anderen Titel stattfinden würde,
S: conversation convention,
D: und in dem die alles trennende
S: und zersetzende
D: Rampe,
S: die im Augenblick zwischen Ihnen und uns besteht,
D: sowie auch zwischen mir
S: und vor allem mir,
D: keine strikte Demarkationslinie zweier unvereinbarer Positionen darstellt,
S: sondern eine dialogisch aufgeweichte Grenze,
D: auf der wir nur noch im aufgehobenen Sinn einen Kleinkrieg ausfechten,
S: der sich in nichts anderem als einem revisionären Dissens äußert,
D: einer kurzweiligen Art von Meinungsverschiedenheit,
S: einer nicht zwingenden Zwietracht
D: mit ein wenig Koketterie
S: und ein wenig Beleidigung,
D: typische Vermischungsphänomene,
S: die dem ideologischen Begriff einer gewaltfreien face-to-face Situation entsprechen,
D: und nicht dem Begriff der Feindschaft,
S: der hier
D: für uns
S: zentral ist.
D: Es ist eine Binsenweisheit, die wir Ihnen,
S: sehr verehrtes Publikum,
D: nicht zweimal aufbinden möchten.
S: Ohne Feind kein Kleinkrieg, nicht einmal der kleinste,
D: kein Rillchen von einem guerillchen,
S: wobei die minimalste Konvention lautet, dass sich die Feinde als Feinde anerkennen,
D: dass sie zumindest wissen, dass ihr Verhältnis unter den gemeinsamen Begriff der Feindschaft fällt.
S: Es ist ganz klar, dass jemand, der einen Kleinkrieg führt, es nicht in Unschuld oder Unkenntnis dessen tut, dass er es tut,
D: sich also mutwillig in die Position von des seines anderen Feindes anderen Feindes begibt,
S: mit dem er alles andere als seine Stellung
D: oder Anstellung
S: tauschen möchte.
D: Ziel eines Kleinkrieges ist nicht, dass einer die Stelle des anderen übernimmt,
S: mehr oder weniger gewaltsam sich aneignet,
D: so wie Sie ja jederzeit unser Podest stürmen könnten,
S: oder wir ins Publikum hinab,
D: und somit in genau die Position geraten, die wir ja verabscheuen,
S: von Berufs wegen
D: und das heißt von Grund auf
S: verabscheuen müssen.
D: Ein Kleinkriegsaktivist macht sich keinesfalls zum Publikum seiner selbst,
S: denn er zieht eine strikte Grenze zur moralischen Maxime der Selbstversetzung,
D: zur allgemeinen Reziprozitur der Handlungsnorm,
S: nach der ich mich anstelle des anderen ebenso betrachte wie dieser mich anstelle seiner selbst.
D: Die Grenze zur Norm ist auch die Grenze zum normalen Kriegsbegriff,
S: dem sich unser Kleinkriegsbegriff widersetzt,
D: obgleich sich ein jeder Kleinkrieg auch im Krieg auflösen kann,
S: eine echte Niederlage,
D: die allerdings von den Kriegstreibern
S: und Kriegsbetreibern
D: zum Sieg verklärt wird.
S: Es genügt die unterstellte Übernahme ganz normaler Kriegsziele
D: und Mittel,
S: und schon scheint jeder Kleinkrieg entwaffnet und sinnleer zu sein,
D: ein bloßes Teilgeschehen innerhalb eines Ganzen,
S: das ihm einen ganz anderen Sinn verleiht
D: und vor allem einen ganz anderen Feindbegriff.
S: Der Andere wäre dann mein Feind nun insofern, als er sich an meine Stelle versetzen möchte,
D: die ich deshalb bedroht sehe
S: und schließlich nur noch verteidigen möchte.
D: Jeder normale Krieg legitimiert sich deshalb durch ein Verteidigungsszenarium,
S: das auf dem Gedanken der Selbstversetzung in Andere beruht.
D: Da auf demselben Gedanken jedoch auch die moralische Maxime des Handelns beruht,
S: bis hin in die Ethik des Mitleids als innerstes Fundament einer gemeingesellschaftlichen Sozietät,
D: hat der normale Feindbegriff die Aufgabe, den anderen als möglichen Vertreter der einen Stelle,
S: die man selbst vertritt,
D: zu diskreditieren,
S: das heißt, den Anderen als Unmenschen
D: oder Untermenschen
S: im Vergleich zu sich als Menschen
D: oder Übermenschen
S: darzustellen oder hinzustellen,
D: nur um das allgemeinste Beispiel
S: aus der jüngeren Geschichte
D: zu nennen.
S: Der Unmensch ist eine Blindformel,
D: in die jeder den Anderen hineindefinieren kann,
S: nur um sich selbst als einen Menschen herauszudefinieren,
D: an dessen Stelle logischerweise der Andere als Unmensch nicht treten kann,
S: und die er sich nicht aneignen kann,
D: sonst wäre ja der Mensch an sich kein Mensch.
S: Und der Untermensch steht und fällt vollends in der Beliebigkeit,
D: er ist eine Variable dessen, der sich kraft der Verneinung des anderen zum Übermenschen stilisiert.
S: Diese Leerformeln,
D: die ideologisch verschieden besetzbar sind,
S: rauben dem Anderen letztlich die Chance, ein Feind zu sein,
D: das heißt als seines Feindes Feind Anerkennung zu finden,
S: auf ein und derselben Ebene
D: und an zwei verschiedenen Positionen,
S: die gerade deshalb zu trennen und nicht auszutauschen sind,
D: weil die moralische Norm der Selbstversetzung in andere,
S: die dem normalen Kriegsbegriff des Feindes zugrundeliegt,
D: nicht anwendbar ist in diesem Fall,
S: im Kleinkriegsfall,
D: in dem ein Mensch eines anderen Menschen Feind sein kann,
S: in Anbetracht seiner Gleichwertigkeit und gleichen Würde,
D: die durch und durch konventionell ist.
S: Wie kann einer den anderen als Feind betrachten, ohne ihn in irgendeiner Weise herabzusetzen oder schlecht zu machen?
D: Dieser Frage werden wir uns bald ausführlich widmen müssen.
S: Der Andere ist jedenfalls nicht deshalb Freund, weil er anzuerkennen ist,
D: so wie er einem selbst gegenüber steht,
S: ohne dass einer sich in den anderen hinein versetzt, verschießt
D: oder hineinverschießt,
S: um ihn so oder so als einen anderen zu vernichten.
D: Weshalb wir auf diesem Punkt so herumreiten,
S: sehr verehrtes Publikum,
D: das ist schnell erklärt.
S: Wir eröffnen schließlich keine Militärschule, sondern ein Festival,
D: in dem die Kunst zum Zug kommt.
S: Ja, es ist,
D: sehr verehrtes Publikum,
S: die Kunst, diese ganz Andere,
D: Hauptfeindin Nummer eins,
S: in die ich mich nicht selbst versetzen kann.
D: Gerade die Kunst scheint jedoch geradezu dadurch definiert zu sein,
S: durch die Selbstversetzung ins Andere,
D: die sie verspricht und gleichzeitig ausschließt.
S: Der sogenannte Kunstfreund,
D: ein weiterer Feindbegriff,
S: ein Freund der Kunst also nimmt das Versetzungsversprechen für bare Münze,
D: er gebraucht die Fiktionalisierung als ein Medium der Selbsteinfühlung
S: und versteht sie insofern, als er sich selbst versteht,
D: ja im Kunstwerk,
S: sei es Musik, Literatur, Theater oder bildende Kunst,
D: zum vollendeten Genuss seiner selbst gelangt.
S: Der Kunstfreund ist gleichsam der natürliche Feind des Künstlers,
D: der ja als Produzent zu keinem Preis in die Position des Konsumenten geraten möchte,
S: und sich deshalb die Kunst so weit wie möglich vom Leib hält.
D: Die beste Strategie dafür ist nach wie vor die, dass man sie einfach macht,
S: denn indem man sie macht, spielt sie sich außerhalb von einem selbst ab,
D: und nicht etwa nur in den eigenen Geschmacksknospen und Gehirnen.
S: Sicher, sobald ich einen Farbfleck sehe,
D: oder einen Takt höre,
S: glaube ich, dass der Fleck und mein Sehen
D: oder der Takt und mein Hören
S: eine innere Verbindung eingehen,
D: dass sie womöglich identisch sind,
S: was auf den Fleck als gesehenen Fleck
D: oder den Takt als gehörten Takt
S: ja auch zutrifft,
D: nicht jedoch auf den gemachten Takt
S: oder Fleck,
D: den ich im Machen nicht höre
S: oder nicht sehe,
D: da er soeben ganz unabhängig von mir da draußen entsteht,
S: meinem Sehen und Hören gegenüber fremd ist,
D: an der Position des anderen,
S: das ich mir nicht aneignen kann, so unbefleckt
D: und taktlos
S: wie ich bin
D: und wie ich bin.
S: Wenn ich jedoch selbst Flecken mache
D: oder Takte,
S: dann kann ich sie nicht sehen
D: oder hören,
S: denn sonst hätte ich sie ja schon gemacht, sie wären ja schon sichtbar
D: oder hörbar
S: und so würde sie auch gar nicht erst machen können.
D: So möchte ich also auch nicht einmal ein Klecks von all dem,
S: was ich hervorbringe,
D: selbst sein,
S: eine selbstgemachte Klecksexistenz führen,
D: die ich ja gerade deshalb in die Welt setze,
S: dass sie mir gegenüber als mein äußerer Feind auftritt und andauert.
D: Nun glaubt freilich der Kunstfreund, all das würde geschehen, nur damit er etwas zu hören oder zu sehen bekommt,
S: womit wir sogleich eine scharfe Grenze zum rezeptiven Kunstbegriff ziehen wollen,
D: der freilich in ganz anderen Festivals zur Anwendung kommen kann.
S: Soweit wir jedoch im Rahmen unserer Kleinkriegsübereinkunft,
D: guerilla convention,
S: von Kunst reden, sprechen wir sie als ein uns selbst gegenüber fremdes, anderes an,
D: nicht dazu angetan, uns in ein moralisches oder wohlgefälliges Verhältnis zu uns selbst zu versetzen,
S: so wie es die klassische, idealistische Ästhetik will.
D: Nietzsche hat einmal gesagt, diese wäre ein Selbstverständigungsprodukt des Publikums,
S: nicht des Künstlers,
D: und dem können wir uns hier nur anschließen.
S: Damit haben wir vor Ihnen,
D: sehr verehrtes Publikum,
S: nur die allgemeinsten Grenzlinien gezogen,
D: mit denen wir dieses Festival in seinem eigenen Namen
S: guerilla convention
D: von anderen zu unterscheiden versuchten.
S: Andernfalls wüssten wir nicht, was wir hier eigentlich eröffnen wollen.
D: Es geht um ein Festival des Anderen
S: als eines Feindes des Selben,
D: womit wir zumindest zwei abstrakte Positionen markieren,
S: gleich, wie diese zu besetzen sind,
D: die darin übereinstimmen,
S: dass ihr gegenseitiges Verhältnis das der Feindschaft sei.
D: Bevor wir dieses Schema mit Inhalt erfüllen
S: und mit eigenen Geschichten ausmalen,
D: sei eine Warnung ausgesprochen.
S: Wenn wir uns die bekannteren Beispiele von guerilla vor Augen führen,
D: die zu irgendeinem hehren Erfolg führen sollten,
S: auch wenn dieser letztlich nicht erreicht wurde,
D: dann können wir uns sicher sein, dass diese Beispiele unpassend sind
S: oder eben deshalb schon ein anderes Muster exemplifizieren,
D: weil mit dem Erfolg der Andere als Feind reduziert werden sollte,
S: vernichtet oder zum Freund gemacht,
D: was dem normalen Kriegsbegriff
S: beziehungsweise dem normativen Begriff des Handelns
D: entspricht.
S: So gibt es für uns vor allem keine heroische oder romantische,
D: an Glück und Not der Menschen orientierte,
S: guerilla-Verehrung,
D: die von Grund auf etwas ganz anderes verehrt,
S: den normalen Krieg und die entsprechende Moral,
D: beides zusammengefasst im Idealbild eines moralisch legitimierten Kleinkriegshelden
S: wie es das Che-Klischee ist,
D: des leidenschaftlichen Legionärs einer besseren Menschheit
S: in der besten aller möglichen Welten,
D: befreit von allem, was dem Begriff des Feindes empirischen Inhalt verleihen könnte.
S: Mit der Zielvorstellung eines feindlosen Gesellschaftsparadieses,
D: wie es teils auch Marx vor Augen schwebte,
S: als er den Klassenfeind ideologisch deklassierte,
D: im Namen einer ebenso ideologischen Geschichtsnotwendigkeit einer herandrohenden allgemeinen Klassenlosigkeit,
S: damit also,
D: sehr verehrtes Publikum,
S: ist unsere Kleinkriegsübereinkunft
D: eines andauernden Alle-gegen-Alles
S: nicht vereinbar.
D: Auszumachen bleibt
S: freilich
D: was dieses "gegen" bedeutet.
S: Thomas Hobbes begreift den Kleinkrieg eines jeden gegen jedweden anderen,
D: wir ersparen Ihnen die lateinische Formel,
S: als den gesellschaftlichen Naturzustand,
D: die wirklich schuldlose, also paradiesische Menschenverfassung
S: so, wie sie vor allen sogenannten Institutionen aufzufassen ist,
D: von denen der offizielle Krieg,
S: so, wie er erst einmal organisiert werden muss,
D: nur ein Beispiel ist.
S: Zu unterscheiden bleibt dieser womöglich globale Krieg vom Kleinkrieg aller gegeneinander
D: derart, dass hier jeder jedem unmittelbar gegenüber steht,
S: während dort ihr Verhältnis durchaus vermittelt zu denken ist,
D: wie zum Beispiel durch ein allgemeines Feindbild,
S: welches offenkundig abstrakt ist,
D: durch die Entfernung definiert.
S: Die Frage ist also, wie die Dichotomie gedeutet werden kann,
D: das paradigmatische Oppositionsverhältnis von mindestens zwei Positionen,
S: die sich zwar denknotwendig gegenseitig voraussetzen,
D: ein Feind kann nur seines eigenen Feindes eigener Feind sein,
S: und die sich damit dennoch nicht dialektisch
D: oder letal
S: in einer Position allein aufheben lassen.
D: Das formale Skelett,
S: die topologische Struktur,
D: liegt auf der Hand.
S: Hier
D: gegen dort,
S: und jetzt
D: gegen sodann
S: sowie dieses gegen jenes.
D: Zeit also, dem ein wenig Fleisch zu geben.
S: Die Frage ist nur, welches.
D: Wir halten am alten Totemtier der Guerilla,
S: den Maulwurf,
D: fest.
S: Dieses im Verborgenen wühlende Geschöpf hat seine Bedeutung noch lange nicht eingebüßt.
D: Im Gegenteil!
S: Die wenigsten Menschen haben je einen Maulwurf zu Gesicht bekommen.
D: Seine Behaarung hat keinen Strich.
S: Sie behindert den Maulwurf daher in keiner Weise,
D: ganz gleich, wie er sich unter der Erde beim Laufen auch dreht und wendet.
S: Setzt man einen Maulwurf auf lockere Erde, ist er innerhalb von fünf Sekunden im Erdreich verschwunden.
D: Manchmal empfiehlt es sich jedoch, die Gestalt der Schlange anzunehmen.
S: In allen Bedeutungen.
D: Der Guerillero wird zunächst mit einer Schlange verglichen, die am Wegesrand liegt.
S: Zischt, wenn man sich ihr nähert.
D: Nimm deinen Stab, und wirf ihn hin.
S: Er wird zu einer großen Schlange werden.
D: Eure Worte sollen beißen.
S: so wie eine Schlange.
D: Schlangen!
S: Otternbrut!
D: Und so muss jede Schlange erhöht werden:
S: eine Kreatur, die dank ihrer Wendigkeit an die Horizontale vorzüglich angepasst ist,
D: an eine flache, transparente, ständig Gestalt und Farbe wechselnde Welt.
S: Die Schlange macht aber auch in der Vertikalen eine gute Figur.
D: Entscheidend ist die Unvermitteltheit
S: und Plötzlichkeit,
D: die Plötzlichkeit eines Stromschlag,
S: mit der der Guerillero operiert.
D: Er liegt im ständigen Kampf mit allen Regierungen,
S: nicht um Missbräuche anzugreifen,
D: sondern bloß, um die Frage nach der Vollmacht zur Herrschaft abzuhandeln.
S: Seine eigentliche Kraft nimmt er aus der völligen Voraussetzungslosigkeit,
D: aus der selbst gesetzten Freiheit,
S: die es ihm erlaubt, in das Reich des Unbedingten vorzudringen.
D: Man kann sich nicht auf ihn einstellen.
S: Vielleicht platzt in ihm etwas.
D: Fünf Finger sind eine Faust,
S: 2 Männer 1 Faust.
D: Einmal sind alle Zäune mit Fäusten bemalt;
S: ein andermal wieder prangt auf dem höchsten Kirchturm eine mächtige Faust;
D: ein drittes Mal sind alle Wege mit kleinen gestanzten Fäusten bestreut.
S: Wir verstehen uns sehr gut auf den Kampf.
D: Wir ziehen in die Nacht.
S: Wir schleichen leise um die Häuser,
D: ziehen um die Häuser.
S: Ich verstehe es, wie ein Käuzchen in die beiden hohlen Hände zu pfeifen. Ich will pfeifen,
D: aber dann ist wieder nichts.
S: Ich sehe Gestalten, aber dann sind es Äste von Bäumen oder Sträucher am Weg.
D: Wir horchen nach allen Seiten,
S: Zorn anzuzeigen.
D: Liebe geht durch den Magen.
S: Zorn durch die Nase.
D: Durchs Nasenloch.
S: 2 Männer 1 Nasenloch.
D: Heftig atmend,
S: aufgebracht schnaubend.
D: Und die Erde beginnt zu schwanken und zu beben,
S: und die Grundfesten der Berge, sie erbeben,
D: und sie schwanken ständig hin und her.
S: Rauch steigt auf,
D: und Feuer frisst ständig.
S: Kohlen flammen auf.
D: Wir machen die Finsternis zu unserem Versteck.
S: Rings um uns her
D: dunkle Wasser,
S: dichte Wolken,
D: die vorüberziehen,
S: Hagel und brennende Feuerkohlen.
D: Zeit nehmen.
S: Zeit geben.
D: Zeit donnert,
S: die Stimme erschallen zu lassen,
D: Grimm steigt auf in der Nase,
S: glühender Eifer
D: im Feuer eines Zornausbruchs.
S: Wir werden reden müssen.
D: Wir haspeln zum Teil auch, um die Zuschauer zu überzeugen.
S: Es existiert eine gemeinsame Sprache,
D: eine gemeinsame Erfahrung.
S: Es ist möglich, dass das, was wir sagen, auch die anderen verstehen
D: und nicht unbedingt für Wahnsinn halten.
S: Als zwänge da einer die Sprache mit der Peitsche, sich begreiflich auszudrücken,
D: Macht auszuüben,
S: schärfer als ein zweischneidiges Schwert.
D: Man muss auch unbedingt hinter den Rücken der Worte spähen.
S: Der Wahnsinn der Freiheit verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
D: Das Erstaunen der Bewohner ist verständlicherweise unbeschreiblich.
S: Die steilen Wege werden stürzen müssen,
D: und jede Mauer wird fallen.
S: Geratet in Zorn.
D: Seid erzürnt.
S: Entbrennt.
D: Solcher Zorn ist nicht sinnlos.
S: Er beruht auf absolut stichhaltigen Gründen
D: und bleibt nie ohne Wirkung.
S: Zorn kundtun.
D: Zorn spüren. Zorn empfangen.
S: Zorn geben.
D: Zornergeben Zorn geben.
S: Zorn nehmen.
D: Ein Windsturm,
S: Grimm selbst ist ausgegangen,
D: ein dahinfegender Sturm.
S: Zorn wird sich nicht abwenden, bis er vollzogen ist,
D: und bis er ausgeführt haben wird, wozu er ausgesandt,
S: bis er ausgemerzt haben wird das Diminutivum der Gedanken.
D: Er trägt einen Namen, den niemand kennt
S: außer er selbst.
D: Einen Namen des Grimmes des Zorns.
S: Zorn wird erregt,
D: gespürt,
S: Zorn entbrennt.
D: Zum Zorn wird gereizt.
S: Ruft Zorn hervor.
D: Häuft Zorn auf.
S: Es ist der Tag des Zorns.
D: Draußen sind die Hunde.
S: Seid zornmütig.
D: Nährt den Zorn.
S: Bewahrt eine gereizte Stimmung.
D: Bleibt dem Zorn ergeben,
S: Mit eines Waldstroms wütendem Erguss.
D: Heilloser und entsetzlicher Guerillero!
S: Der Guerillero ist gleichsam ent-setzt,
D: jeder Zusammenhang scheint etwa wie zerrissen.
S: Das ist das Oevre des Guerilleros:
D: sein heftiger, auf einem Punkt hintreibender Wille.
S: Die Nationen wurden zornig,
D: und sein eigener Zorn kam.
S: Die Dokumente zeigen, welchen Gefahren sich ein Guerillero unvermeidlich aussetzt,
D: wie jeder andere auch,
S: wie ich auch,
D: ich auch.
S: Welche Kräfte hier gebändigt werden müssen!
D: Im Innersten des Inneren des Zorns
S: und noch tiefer.
D: Im untersten Untergrund.
S: Unten,
D: weiter unten,
S: am weitesten unten,
D: am allerweitesten unten,
S: am allerwertesten, allerweitesten unten,
D: ohne entdeckt zu werden.
S: Für einen Guerillero ist das Allerunterste wie für den Hohepriester das Allerheiligste im Tempel Salomos in Jerusalem.
D: Der innerste Raum des Widerstands,
S: der unterste Raum des Untergrunds.
D: Der Guerillero nimmt das Unterste in Beschlag.
S: Guerilleros sind die Figuren jenes Ortes.
D: Das Allerunterste bildet jedoch keinen Gegensatz zu einer oberen Welt. Es ist kein Zufluchtsort, an dem man abseits von der Welt leben könnte.
S: Das Allerunterste ist der Ort, wohin sich seine Figuren nicht zurückziehen, sondern den sie als ausschließliche Wirklichkeit erleben,
D: als einzigen Ort des Agierens bzw. Agitieren.
S: Daher wird das Untere,
D: Unterste, Allerunterste,
S: als Sinnbild und Wohnstätte des Himmels selbst gebraucht.
D: Ein für allemal.
S: Alle für einmal.
D: Für die bestimmte Zeit, die jetzt da ist
S: und hinunterreicht in das Unterste, unter jede Bedeckung,
D: hinter jede Blende,
S: wahrhaftigem Herzens und in voller Gewissheit.
D: Wir schreiben alles auf alten Schreibmaschinen mit vielen Durchschlägen.
S: Um das Geräusch der Schreibmaschinen zu dämpfen, hängen wir schwere Wolldecken vor die Fenster.
D: Oft ist es nicht möglich, die Eisenbahn oder die Post zu benutzen.
S: Vielfach ist die Benutzung eines Autos ausgeschlossen.
D: Zum Glück gibt es noch das Fahrrad,
S: aber selbst hier gibt es Probleme mit den Reifen.
D: Hauptsache ist, man kommt voran.
S: In meiner Tasche habe ich drei Ausweise mit falschen Namen.
D: Einer ist für dich bestimmt,
S: ein anderer für mich.
D: Einmal wurden wir auf einer der Brücken, die sich über die Salzach spannen, von einer Polizeistreife angehalten und von Kopf bis Fuß systematisch durchsucht.
S: Wir wurden gesucht, aber nie gefunden.
D: Ja, rückblickend muss ich sagen, dass all diese Erlebnisse für mich wirklich eine bereichernde Erfahrung waren.
S: Ich auch.
D: Ich drehe das Radio auf volle Lautstärke.
S: Ich betätige einen Schalter, der eine spezielle Glühbirne aufleuchten lässt.
D: Alle, die in der ganzen Welt in den Untergrund gehen müssen, werden geeint bleiben.
S: Sie werden sich bemühen, miteinander in Verbindung zu bleiben.
D: Jeden ersten Sonntag im Monat gehen wir zu einem bestimmten Platz in den Bergen.
S: Julius hat sich für mich einen besonderen Hüfthalter mit einer versteckten Tasche ausgedacht.
D: Einmal wurden wir von zwei Gendarmen angehalten.
S: Einmal wurden wir zu einem Psychiater bestellt.
D: Uns wurden Briefe geschickt, in denen erklärt wurde, dass keine Briefe geschickt werden sollten,
S: Faxe gefaxt, in denen erklärt wurde, dass keine Faxe gefaxt werden sollten,
D: Mails gemailt, in denen erklärt wurde, dass keine Mails gemailt werden sollten.
S: Deine Adresse ist mir immer noch unbekannt.
D: Ich kenne nur deine Tarnnamen
S: wir denken uns alle möglichen Decknamen für uns aus: "Langer Bep",
D: "Schwarzer Koos",
S: "Blonder Gerrit",
D: "Remie" und "Alte Truus",
S: "Kohlhaas", "Homburg", "Hermann".
D: Um sich davor zu schützen, dass Spione eingeschleust werden, darf niemand ohne die Zustimmung des anderen jemand zu einem Treffen mitbringen.
S: Meine Damen
D: und Herren,
S: diese Regelung erweist sich immer wieder als weise.
D: Es ist äußerst wichtig, dass ein jeder seine eigene Aufgabe verfolgt
S: und nicht herauszufinden sucht, wo der andere sich aufhält.
D: Niemand darf die Adresse eines anderen ausplaudern,
S: selbst nicht sehr vertrauten Freunden.
D: Macht gute Notizen über Personen, die sich dem Kampf gegenüber feindselig verhalten. Bewahrt die Namen und Anschriften dieser Personen gut auf.
S: Trefft besondere Vorsichtsmaßnahmen, ehe Ihr, wenn überhaupt, je wieder vor die Tür geht.
D: Manchmal ist es notwendig, einen Kurierdienst einzuführen.
S: Ich bin immer noch Partisan.
D: Ich immer noch verheiratet.
S: Manche sind gezwungen, in den Untergrund zu gehen, aus dem sie erst 40 Jahre später wieder zum Vorschein kommen sollten.
D: Uns sollte das eine Lehre sein.
S: Ob im Untergrund
D: oder nicht.

S: Es gibt Bewegungen.
D: Es kommt zu Erschütterungen.
S: Jede mit ihrem eigenen Ziel.
D: Anstelle des Wortes "Guerilla" benutzen wir zum Beispiel das Wort "Familie"
S: oder "Firma".
D: Wir können nie wissen, wie scharf unsere Korrespondenz zensiert wird.
S: Wir wissen zumindest, was gemeint ist.
D: Wenn die Gegner denken, sie könnten uns entmutigen
S: oder vernichten,
D: dann haben sie sich getäuscht.
S: Ich bin dabei!
D: Ich bin auch dabei!
S: Meine Mutter häkelte mir eine Tasche, die etwa die Größe eines Plakats hat.
D: Die meine steckte die Plakate in eine Öffnung an der einen Seite der Tasche und häkelte diese Öffnung dann zu.
S: Außerdem nähte die meine in meine Kleidung Geheimtaschen ein und fertigte zwei Strumpfhaltergürtel an.
D: Schließlich waren wir ja hierher gekommen, um Dachse zu beobachten,
S: und hier würde der Wind immer schön in unsere Richtung wehen.
D: Zwar sind die Augen vom Dachs
S: - ganz wie seine Ohren mit den weißen Spitzen -
D: ziemlich klein, aber wir haben gelernt, nie zu unterschätzen, wie fantastisch dieses Tier hören und riechen kann.
S: Wir wissen also genau, wenn wir auch nur das leiseste Geräusch von uns geben würden
D: oder der Dachs uns wittern würde,
S: wäre er für den Rest der Nacht wieder im Untergrund verschwunden.
D: Und den Beweis dafür haben wir hier. (Handy hochhalten)
S: Wir haben Jahrzehnte auf eine solche Gelegenheit gewartet.
D: Mein Herz ist tief bewegt.
S: Meins auch.
D: 2 Männer 1 Herz.
S: Ihr habt euch sehr angestrengt.
D: Wir auch!
S: Wir leben in schwierigen,
D: ja außergewöhnlich schwierigen
S: Zeiten,
D: in mühevollen Arbeiten viel mehr,
S: in Gefängnissen viel mehr,
D: unter Schlägen bis zum Übermaß,
S: oft dem Tod nahe.
D: Fünfmal erhielt ich vierzig Streiche weniger einen.
S: Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen
D: Einmal wurde ich gesteinigt
S: oft auf Reisen,
D: in Gefahren von Flüssen,
S: in Gefahren von Wegelagerern,
D: in Gefahren in der Stadt,
S: in Gefahren in der Wildnis,
D: in Gefahren auf dem Meer,
S: in Gefahren unter falschen Freunden,
D: in anstrengender Arbeit und Mühsal,
S: oft in schlaflosen Nächten,
D: in Hunger und Durst,
S: oftmals der Nahrung entbehrend,
D: in Kälte und Nacktheit.
S: Manche von uns kamen vier- oder fünfmal oder sogar noch öfter ins Gefängnis.
D: Wir alle erinnern uns.
S: Hätte es sich nicht erwiesen, dass Menschen gegen uns aufstanden,
D: sie hätten uns sogar lebendig verschlungen.
S: Gesegnet sei, der uns den Zähnen zum Raub gegeben hat.
D: Unsere Seele ist wie ein Vogel,
S: entronnen der Falle der Vogelsteller. Die Falle ist zerbrochen,
D: wir selbst entkommen.
S: Bringt Kohlen und Holz,
D: Kühlschränke, Nahrungsmittel und Werkzeuge.
S: Stellt eifrig eure Dienste zur Verfügung.
D: Zum Tode verurteilt und wieder begnadigt.
S: Macht euch einen Unterstand.
D: Untersteht euch,
S: ohne zu sagen, wo ihr euch aufhaltet.
D: Meister der Überraschung,
S: dringt plötzlich vor,
D: wie über Nacht.
S: Errichtet die Kampflinien inmitten der Nahrungsmittelvorräte.
D: Das eine zerstört,
S: und gleichzeitig bewahrt das andere.
D: Es scheint, als reiße die Zeit die Handlung auf, sobald das Wort "plötzlich" auftaucht,
S: aus dem Untergrund auftaucht.
D: Dort, wo dieses Wort erscheint, sprengt es die gegebene Szene,
S: - Geschenkt! -
D: nimmt der Szene die Gegebenheit.
S: Etwas, was plötzlich auftritt, reißt sich von der Vergangenheit,
D: bindet sich aber auch nicht an die Zukunft,
S: existiert, solange es heute heißen mag, während das Morgen gar nicht existent ist.
D: Im Plötzlichen bekommt die Zeit einen Riss.
S: Der universelle Konsens,
D: eine der großen Hoffnungen der bürgerlichen Kultur,
S: zerrinnt in nichts.
D: Und dadurch gerät auch die andere Säule dieser Kultur ins Wanken: das Vertrauen in die Dauer,
S: das die Voraussetzung jeder Anhäufung ist.
D: Das Vertrauen zerrinnt,
S: versinkt
D: mit der Anhäufung.
S: Es wird nachgerade plötzlich erschüttert,
D: "als ob das Firmament einstürzte", wie Kleists Prinz von Homburg uns wissen lässt.
S: Im Plötzlichen findet nach der Tradition der Mystik gewöhnlich die Erleuchtung statt,
D: hier jedoch ist es die Revolte.
S: Der Guerillakampf schreitet voran.
D: Vom Freund den Freund hinweg,
S: die Braut vom Bräutigam,
D: vom eignen Kind hinweg die Mutter schreckend."
S: Je näher sie sich kommen, umso auffälliger die unüberbrückbare Entfernung zwischen ihnen.
D: Nicht durch die Überbrückung der Gegensätze,
S: sondern durch ihre Verschärfung versucht der Guerillero Ordnung in die Welt zu bringen.
D: Alles scheint auf seinen Platz zu sein,
S: und doch ist nichts auf seinen Platz,
D: auf dem Platz eines jeden sitzt etwas anderes.

S: Um schließlich zum Ende zu kommen
D: beziehungsweise endlich zum Schluss,
S: kommen wir nochmals auf die allgemeine Struktur zurück,
D: mit der sich der Kleinkrieg vom normalen Krieg
S: sowie von allgemeinen Handlungsnormen
D: unterscheidet.
S: Wie wir jetzt,
D: nach all den genannten Beispielen,
S: sagen können, steht im Mittelpunkt von jeder Auseinandersetzung,
D: die sich im direkten vis-á-vis abspielt,
S: das Prinzip der Individuation.
D: Gleich in welcher Situation, eins grenzt sich immer gegen das andere ab,
S: face to face,
D: wobei die Abgrenzung,
S: die kritische Phase des Zwiestreits,
D: umso heftiger geführt wird, desto mehr sich die Dinge in ihrer je eigenen Art und Weise gleichen.
S: Ein Glas Wasser und ein Bier sind leicht voneinander zu unterscheiden,
D: für uns jedenfalls,
S: sie bieten daher dem Prozess der Individuation,
D: in dem sich herausstellt, welches welches von welchem ist,
S: nicht viel Angriffsfläche.
D: Auch wenn Wasser und Bier ihren Platz austauschen,
S: räumlich oder auch zeitlich ineinander übergehen,
D: fällt es uns immer noch leicht, eins im Unterschied zum anderen herauszugreifen.
S: Das heißt umgekehrt, Wasser ist nicht so leicht mit Bier auszutauschen oder zu ersetzen,
D: es sei denn nach dem sehr entfernten Aspekt des Fließverhaltens
S: oder des Flüssigkeitsbedürfnisses.
D: Ganz anders ist es mit zwei Bieren,
S: die sich kaum voneinander unterscheiden lassen,
D: Bieren also derselben Sorte in gleichen Gläsern
S: gleich voll gefüllt
D: oder geleert.
S: Tausche ich dann meines gegen deines,
D: und ich mein deines gegen dein meines
S: dann ist über kurz oder lang absehbar, dass wir nicht mehr angeben können, welches welches ist.
D: Daran erst könnte sich die richtige Auseinandersetzung entzünden,
S: ein Kleinkrieg in dem Außmaß, in dem er uns die ganze Zeit vorschwebt.
D: Die Individuation zweier so derart gleichartiger Dinge,
S: wie es dieses und jenes Bier sind,
D: ist jedoch nicht nur eine Technik der Gefahrabwendung,
S: dass ich irrtümlich eins statt des anderen herausgreife,
D: sondern in einem viel grundsätzlicheren Sinne eine Technik des Abstandhaltens.
S: Sie ermöglicht überhaupt erst die Unterscheidung des einen vom anderen.
D: Nun weist unser Beispiel offensichtlich einen Haken auf,
S: denn ein Bier ist selbstverständlich nicht selbst darauf angewiesen, sich vom anderen,
D: durch und durch gleichartigen,
S: zu unterscheiden, um für sich selbst ein Bier sein zu können
D: in genau dem Sinn, in dem es auch ein anderes Bier sein könnte.
S: Andererseits streicht das Bierbeispiel die Konventionalität heraus,
D: die willkürliche Festsetzung der Grenzen alles dessen, was im Unterschied zum anderen als das eine Bier zu bezeichnen ist,
S: und diese Grenzfestlegung trifft auf alle diejenigen Prädikate zu, mit denen wir uns voneinander im Einzelnen zu unterscheiden versuchen,
D: gerade und auch wenn diese Prädikate auf uns alle gleichermaßen zutreffen.
S: Begreife ich mich zum Beispiel nur einmal als Künstler, dann habe ich dieses Prädikat gewiss schon von einem anderen übernommen,
D: wie von mir zum Beispiel,
S: und doch unterscheide ich mich damit zugleich von dir als einen anderen Künstler,
D: als Feindkünstler oder Künstlerfeind,
S: mit dem ich gerade im Punkt der Übereinstimmung keinesfalls austauschbar bin.
D: Denn wir wehren uns gegen die Ersetzbarkeit
S: aufs Entschiedenste nämlich gerade in dem einen gemeinsamen Prädikat,mit dem wir uns voneinander nur noch im Einzelnen unterscheiden.
D: So bin ich auch mit dem allgemeinsten Prädikat zu charakterisieren,
S: als Mensch zum Beispiel,
D: und in dieser allgemein menschlichen Hinsicht bin ich am allerwenigsten mit jemand anders auszutauschen oder zu ersetzen,
S: der ebenfalls ein Mensch ist.
D: Natürlich herrscht in genau dieser Hinsicht der bitterste Widerstreit,
S: in der eins dasselbe wie das andere zu sein scheint.
D: Es geht also hier,
S: im Rahmen unseres hiermit vereinbarten Kunstkleinkrieges,
D: nicht um gute gegen schlechte oder böse,
S: hohe gegen niedere beziehungsweise schöne gegen hässliche
D: Dinge der Kunst,
S: sondern um die streitbare Kunst des Gleichartigen
D: und Gleichgültigen,
S: das sich in jedem seiner einzelnen Teile,
D: all seinen Partikeln und Partisanen,
S: durchzusetzen
D: und zu behaupten
S: sucht
D: oder zumindest versucht.
S: In einer Welt, in der immer weniger Dinge dieselben bleiben
D: wie die, die sie nun einmal sind,
S: und in der deshalb immer mehr nach einer übergreifenden Identität schreien,
D: die abgelöst von den alten Institutionen
S: wie Kirche, Staat oder Stand, Familie oder Klasse,
D: nur noch als unterschiedsvernichtende Dauerveränderung definiert wird,
S: in dieser Welt also verlagert sich das Bleiben,
D: das sie braucht,
S: aus ihr heraus in eine Gegenwelt.
D: Wir leben faktisch von der Gegenidentität
S: eines permanent widersetzlichen Nicht-Wir,
D: hilfsweise von ihrer Simulation durch die Kunst,
S: die unseren absoluten Gegnerbedarf
D: und Verfeindungszwang
S: zum Ausdruck zu bringen
D: und zu stillen
S: verhilft.
D: Und vergessen Sie nicht,
S: sehr verehrtes Publikum,
D: wie Georg Tabori sagen würde,
S: der Andere ist immer in der Überzahl.
D: Grund genug, ihn nicht geringzuschätzen.