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ARGEkultur • 09.08.2018 • Sebastian Linz, ARGEkultur

Editorial Herbst 2018

Liebe Zuschauer*innen,

der Philosoph Robert Pfaller argumentiert in seinem aktuellen Buch ERWACHSENENSPRACHE gegen jedwede Form der political correctness: Formulierungen wie die obige – ‚Zuschauer*innen‘ – seien inklusiv gemeint, trieben aber in Wahrheit die Zersplitterung der Gesellschaft voran, lösten die für eine funktionierende Demokratie notwendige Fiktion einer Gesellschaft zunehmend auf. Und nicht nur das: Mit dem Fokus auf sprachliche Identitätspolitiken versuche die neoliberal durchwirkte Linke zu kaschieren, dass sie auf die großen sozialen Ungleichheiten der Gegenwart keine Antworten habe. Auf der schiefen Ebene der sozialen Ungleichheit verteile man nun wenigstens sprachlich und damit lediglich symbolpolitisch das Ungleiche in gleicher Weise.

Pfaller hat sicher nicht unrecht. Er hat seine unbequemen Thesen auch in der ARGEkultur – er war bereits im Januar zu Gast bei uns – zur Diskussion gestellt und verteidigt. Und die aktuelle politische Situation gibt ihm recht: Nie war die Zersplitterung, der Graben, der durch unsere Gesellschaft geht, deutlicher spürbar. Aber dennoch – und das ist das Irritierende daran – fällt Pfallers Analyse am Ende zusammen mit der Kritik von rechts an politischer Korrektheit und dem sogenannten ‚Gender-Wahnsinn‘, also mit jenen Kräften, die ein großes Interesse daran haben, den gesellschaftlichen Graben zu vertiefen. Und das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Feldern, in denen sich linkes und rechtes Denken plötzlich miteinander verbinden. Das diesjährige OPEN MIND Festival fragt danach: WHAT‘S LEFT / WHAT‘S RIGHT. Eine Standortbestimmung der (vermeintlich) gegensätzlichen politischen Pole – künstlerisch wie wissenschaftlich, lustvoll wie intellektuell und wie immer interdisziplinär. Sie sind herzlich eingeladen – liebe Zuschauer*innen.

Denn trotz alledem: Ab jetzt werden wir Sie so ansprechen, als Zuschauer*innen, Besucher*innen, Nutzer*innen der ARGEkultur. Frauen, Männer – und alle anderen möglichen (Geschlechts-)Identitäten. – Warum? Weil das sogenannte generische Maskulinum (‚liebe Zuschauer‘) zwar das weibliche Geschlecht mitmeint, es aber selten darauf ankommt, was man meint, sondern was das Gegenüber versteht. Weil wir in der ARGEkultur seit Jahren erfolgreich eine gelebte Praxis der Diversität und Inklusion pflegen. Weil wir auch ein Ort für die LGBTQ-Community sind. Uns für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl stark machen. Weil wir uns nicht nur irgendwelchen hehren Werten verbunden fühlen, sondern diese Tag für Tag praktisch umzusetzen versuchen. Weil die gegenderte Sprache nicht a priori verdecken soll, was strukturell noch immer im Argen (!) liegt, sondern weil jetzt die Sprache das einholen muss, was bei uns längst Alltag ist. Und unserer Meinung nach überall gelebte Praxis sein sollte.

Wie gesagt: Sie alle sind herzlich dazu eingeladen.

Ihr Sebastian Linz

© Sebastian Linz, ARGEkultur