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Kritik • 31.05.2010 • Heidemarie Klabacher, ARGEkultur

Im stillen Mittelpunkt der bewegten Welt

Da wird nicht "verschreckt" sondern "vermittelt": Die "Aspekte" - seit 2006 von Ludwig Nussbichler alle zwei Jahre, im Wechsel mit der "Biennale", konzipiert - sind auf einem exemplarischen Weg: Zeitgenössische Musik "zum An- und zum Begreifen" gespielt auf musikalisch technisch höchstem Niveau. Zahlreiche dramaturgische Fäden - "Komponistinnen" etwa oder "Das Cello" oder "Salzburger Künstler" - machten die 32. Aspekte zu einem Festival aus dem Musterbuch.
Von Heidemarie Klabacher

Dass Martin Murmelter, der am Mozarteum das Institut für Neue Musik leitet, ein hervorragender Geiger und ein ausgewiesener Experte für Zeitgenössische Musik ist, ist nichts Neues. Dass sich hinter dem brillanten Techniker aber ein Virtuose von geradezu paganinischer Qualität steckt, erlebte man denn doch zum ersten Mal: Kaija Saariahos Konzert für Violine und Kammerorchester aus 1997 mit dem Titel "Graal Théatre" faszinierte in dieser Lesart durch die oszillierenden Klangfarben, die sich zwischen Ensemble - es spielte als Ensemble in Residence wieder das "oenm" - und dem Solisten zu immer neuen Effekten mischten, aber auch durch die mitreißende quasi nach innen brodelnde Dynamik.

Ebenfalls eine "Rhythmusstudie" - aber eine auf höchst virtuoser Ebene - ist das "Concerto für Klavier und Ensemble" von Andor Losonczy, das vom Komponisten selber zur Uraufführung gebracht wurde: Das Klavier gibt sich beinahe zurückhaltend, scheinbar als Gleicher unter Gleichen, und führt dennoch mit hochkomplexen rhythmischen Verschiebungen in einen mitreißenden Teufelstanz. Aber da war nicht nur Rhythmus: Das Werk erinnerte in seinen farbigen Klangeffekten für Augendblicke immer wieder an vorüberhuschende Filmmusik.

"Dynamik" wäre überhaupt ein Motto gewesen für den Aspekte-Abschluss am Samstag (29.5.) im Großen Saal des Mozarteums: Denn auch Alexandra Karastoyanova-Hermentins "Galechri für Ensemble" bestach durch seine Energieausbrüche, die weniger mit großen Wogen und Gesten, denn mit kleingliedrigen Motiven daherkamen, die sich zu einem souveränen Spannungsbogen aufwölbten.

Abschließender Höhepunkt, wohl des Abends, wie auch des Festivals: Sofia Gubaidulinas "Hommage a T.S. Eliot" aus 1987 mit dem oenm und der Sopranistin Christine Whittlesey. Da sei als Beispiel für die faszinierenden Klangwirkungen etwa der sechste Satz für Klarinette und Streichtrio herausgegriffen: Die hohe feine Melodie der Klarinette scheint sich hier mit Flageolett-Effekten der Streicher immer wieder "beinahe" zu einem Unisono verbinden zu wollen - um sich doch zu entziehen und eigene Wege zu gehen. Ebenso klangsinnlich: der kurze vierte Satz für Streicher, in dem sich Pizzikato- und Flageolettmotive von Geige und Cello über einer schwebenden Basslinie zu unverwechselbaren Sofia Gubaidulina-Klängen mischen. Christine Whittlesey ist mit ihrem klaren Sopran und ihrer Präzisen Artikulation die ideale Vermittlerin dieses Schlüsselwerks der Komponistin.