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ARGEkultur • 24.08.2017 • Markus Grüner-Musil, ARGEkultur

Mit einer Stimme sollt ihr sprechen!

Editorial der Künstlerischen Leitung

Wenn diese Zeilen gelesen werden, dann wird bald wieder gewählt werden oder es ist gerade gewählt worden (am 15. Oktober). Und der Ausgang wird sicher ganz ungewiss sein und das Ergebnis ist sicher ganz überraschend. Ein politisches Erdbeben eben, kein Stein bleibt auf dem Anderen.

Unser Beitrag dazu ist der Gang hinter den mobilen hellbraunen Sperrholzverschlag, der in der Turnhalle oder dem Altersheim aufgestellt wurde und hinter dem wir ganz geheim unsere Stimme abgeben. Pssst... ganz geheim. Und wenn wir sie abgegeben haben, die Stimme, dürfen wir dann auch wieder ein paar Jahre still sein.

Ganz schön aufregend so eine Demokratie. Wenigstens bei der ersten Hochrechnung auf jeden Fall. Da geht ein farbiger Balken nach oben und hinter einer Zahl, meist in Prozent bemessen, versteckt sich... genau: Die Stimme, die eine Stimme, die wir haben, die wir als Kreuz in den Kreis gekritzelt haben. Und für einen kurzen Moment sind wir tatsächlich „wir“, nämlich einer von diesen tausenden Stimmen, die sich im Balkendiagramm abbilden. „Schau! Ich bin im Fernsehen.“, könnte man meinen; wenigstens als Teil eines Kollektivs, von dem wir nicht wissen, wer eigentlich die anderen sind. Alles streng geheim. Schade eigentlich. Demokratie ist das Beste, was uns bisher eingefallen ist, aber es macht auch irgend wie einsam. Und wie schön es ist, irgendwo dazuzugehören.

Das Gemeinschaftsleben hat sich verändert. Während Österreich früher als Land der Vereine galt – von der Freiwilligen Feuerwehr über den Buchclub bis zum Lions Club – und die Parteimitgliedschaft ohnehin eine Karrierevoraussetzung war, ist es heute irgendwie kompliziert geworden: Wer gehört wo dazu? Wer ist einer von uns? Und wo will ich auf keinen Fall dazugehören, nicht einmal aus Versehen? Das Open Mind Festival im November steht unter dem Motto „Kollektive für Individuen“. 10 Tage lang werden KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen gemeinsam mit dem Publikum dem Widerspruch zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“ begegnen. Von den feministischen „Rabtaldirndln“ bis zum muslimischen Satire-Kollektiv „Datteltäter“: Das Verbindende und das Trennende stehen oftmals ganz nah beieinander, sie wissen es bloß nicht. Und wer sich der Kunst nicht zugehörig fühlt und Veranstaltungen mit anderen Menschen aus Prinzip meidet, dem sei tröstlich gesagt: Im Frühjahr 2018 wählen wir (in Salzburg) eh schon wieder. Da kann man seine Stimme wieder kurz und kreuzförmig erheben.

Markus Grüner-Musil
Künstlerischer Geschäftsführer

© Markus Grüner-Musil, ARGEkultur