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07.11.2004 um 20:30 Uhr

IAMX feat. Chris Corner/Sneaker Pimps

Support: Client

ARGE in-concert electronic rock
Wir nehmen Chris Corner, die androgyn-glamouröse-spindeldürre Diva der Sneaker Pimps, setzen ihn in ein Raumschiff und schießen ihn hundert Jahre in die Zukunft. Auf einen Planeten auf dem an jeder Ecke eine „Clockwork Orange Milchbar“ herumsteht. Nur bekommt man in diesen Milchbars keine raffinierten Erdbeermischungen, sondern blauschimmernde Elefantenamphetamindrinks. Gefüttert wird Chris Corner mit Unmengen von Lakritze und kleinen Mengen rohem Fleisch. Und dann muss er Musik machen. Chris Corner, Sänger und musikalischer Kopf der englischen Sneaker Pimps hat unter dem Pseudonym „I AM X“ sein Solodebüt aufgenommen.

1996 veröffentlichten die Sneaker Pimps die Single „Six Underground“. Die Musikkonsumenten schluckten gerade mit viel Euphorie alles was irgendwie nach TripHop schmeckte und da kam der luftige Elektropop der Sneaker Pimps gerade richtig. „Six Underground“ und das Album „Becoming X“ schossen in die Charts, Sängerin Kelli Dayton grinste oft von Musikmagazinen, Marilyn Manson schrieb mit ihnen das Lied „Long Hard Road Out Of Hell“ für den Spawn-Soundtrack – die Sneaker Pimps waren also kurz „die Band der Stunde“.

1999 präsentierten sich die Sneaker Pimps mit ihrem zweiten Album „Splinter“ als düstere Gitarrenband. Chris Corner schlüpfte mit sichtlich viel Eifer in die Rockstarrolle und übernahm den Leadgesang. Kelli Dayton wurde entlassen.

Nach drei Jahren Pause kam dann 2003 der bisherige absolute Sneaker Pimps-Höhepunkt mit „Bloodsport“. Die narzisstischen Posen von Sänger Chris Corner balancierten mitunter zwar gefährlich am schmalen Grat der Überheblichkeit, da er es aber schaffte kurz vor der Übertreibung einzuhalten, war das Ergebnis eine elektrisierende Reise zwischen bewährten Themen wie Leidenschaft, Lust, Obsession, Sexualität, Drogen und Selbstliebe.

Okay, zurück ins Jahr 2004 und zum Debüt von „I AM X“. Die Sneaker Pimps versprechen zwar eine neue Platte, sie haben sich nicht aufgelöst. Aber inzwischen kümmert sich mal jeder Pimp um seine persönlichen musikalischen Visionen. Liam Howe und Joe Wilson haben mit zwei deutschen Sängerinnen das Projekt „Ultrafox“ gegründet und unser Chris Corner sitzt eben gerade auf dem Planeten mit den „Clockwork Orange-Bars“ musiziert und will im Moment bitte „I AM X“ genannt werden.

Ist okay Chris. Dein „I AM X-Album“ ist aus den gleichen Ingredienzien wie klassische Sneaker Pimps-Musiken gekocht. Inhaltlich beschwört Chris Corner seine großen Leidenschaften, die gleichzeitig auch peinigende Dämonen sind. Rausch und Liebe als zentrale Themen. Umgesetzt werden diese Dämonen mit kühler Elektronik. Chris Corner hängt für sein Soloprojekt die Gitarre fast ausschließlich an den Nagel und instrumentiert seine Lieder mit zurückhaltenden Sequenzern und raffinierten aber doch simplen Beats.

Die Sneaker Pimps sind organisch. „I AM X“ ist synthetisch wie Darth Vader.
Aber wir wissen wie viel verteufelte Leidenschaft in Darth Vader versteckt war.

I Am X @ 2 Days A Week

Anfang des Jahres war ich ja schon geplättet, als ich I Am X bei ihrem Konzert im Flex gesehen hatte. Bässe, dass es einem die Lautsprecher um die Ohren fetzt, Chris Corners unglaubliche Stimme und eine Bühnenshow die sich gewaschen hat. Fein fein, aber kommt das am frühen Nachmittag in Wiesen auch so grandios? Nun ja, um 14 Uhr aufzutreten lockt erstmal nicht jeden Festivalbesucher aus seiner Katerstimmung im Zelt, schon gar nicht bei strömendem Regen. Das fällt aber auch der Band nicht ganz so leicht, da muss schon mal die Mittags-flasche Wodka herhalten, um sich richtig in die Gänge zu bringen. Haben sie aber offensichtlich erledigt.

Brav und pünktlich fetzt das Intro aus dem grenzgenialen Album „Kiss & Swallow“ aus den Boxen und einem selbst durch Mark und Bein. Auf der Bühne ein wie immer ausgesprochen adrett gekleideter Chris Corner (falls es sich noch nicht bis zu jedem herumgesprochen hat: ja, Chris Corner, der von den Sneaker Pimps) samt Bassist oder Gitarrist (bei dem Geräusch das dieses Ding macht ist der Unterschied glaube ich unwesentlich) und – Himmel was ist das? Hat der da seine Aerobictrainerin mitgenommen? Okay, Chris du bist sexy, charismatisch, und du bist auch ein fantastischer Sänger, aber meine anfängliche Aufmerksamkeit gilt mal nur der Dame, die, bekleidet mit dem pinken Ganzkörperanzug, dem schwarz aufgepinseltem X quer über dem Gesicht und der Mireille Matthieu Gedenkfrisur, offensichtlich ganz böse irgendwo in den 80ern steckengeblieben ist. Unfassbar, wo hat die das her, und interessanter noch: wieso zieht sie es an??? Egal, kommt gut … Hat wohl auch eine eigene Auffassung von chic, diese Dame.

Nachdem sich mein Auge auf das grelle Pink eingestellt hat, kann ich mich auch wieder den Klängen der Band widmen, und die sind wiedermal vom allerfeinsten. Chris hämmert auf sein Keyboard und singt sich den Arsch ab, ein während die gnadenlosen Beats von Songs wie „Naked But Safe“, „Sailor“ oder „Skin Vision“ (=> ganz großes Kino!) durch die Lautsprecher donnern. Zudem springt die Dame an seiner Seite immer noch wie verrückt durch die Luft, macht hin und wieder eine Austin Powers Häschen-Ohren Geste und stöhnt lustvoll bei Nummern wie „You Stick It In Me“ ins Mikro. Und auf der Bühnenleinwand ein Finger, der in einem Auge herumbohrt…

Nach einer großartigen ¾ Stunde neigt sich das Konzert dem Ende zu, das heißt: Zeit zum Auspacken der bereits bekannten Hits. „Your Joy Is My Low“ war ja die erste Radiosingle der Band und wird somit auch gleich nach dem ersten Takt frenetisch bejubelt. So viel Energie verträgt wohl aber der Computer auf der Bühne nicht, der die Beats produziert. Nach gut einer Minute knackst und zuckt es nur mehr aus dem Ding raus, und das Lied wird mit den Worten „No Apologies“ noch mal angestimmt. Aber auch das geht nicht lange gut, nach kurzer Zeit klingt auch das wieder so, wie wenn ich mit meinem Electronic-Shock-Protection-losen Discman und meiner gute nacht Zigarette hysterisch durch den Garten springe … Macht aber nix, auf den Boden werfen, gröhlen und mit Wasser die Menge bespritzen heißt die Devise … Ein Spaß, das. Großartig!

Zum Ausklingen gibts dann mit „Missile“ noch die aktuelle Single (habe ich in diesem Artikel eigentlich schon mal das Wort großartig verwendet????) und eine dankbare Verabschiedung vom Publikum. Famoser Beginn eines Festivaltages, bitte bald wieder!

Review IAMX von www.volumetv.at

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