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Foto (c) Sabrina Weniger
ARGE konzert

Slut

Das neue Album „Alienation“ zwischen Rock, Indietronic und Dreampop. Special Guest: And the Golden Choir

„Erfinde dich selbst und sei dann du selbst“ lautet der ebenso paradoxe wie perfide Imperativ des 21. Jahrhunderts. Die Auswirkungen gleichen einer geistigen Querschnittslähmung. Statt die eigene Freiheit kreativ und verantwortungsbewusst zu nutzen, werden „most of us turn petit bourgeois“, wie Slut es im titelgebenden Song „Alienation“ formulieren, und, in offener Kritik an ihrer autoversessenen Heimat Ingolstadt: „As long as the cars stay running they stay amused“.

Eine gute Indierockband ist eine gute Indierockband ist eine gute Indierockband.
Spex

„Alienation“, also Entfremdung, entsteht dabei auf zwei Arten. Entweder, indem man krampfhaft am Bekannten festhält, während sich die Außenwelt in Bewegung befindet. Oder indem man beim Versuch, durch notorische Selbsterfindung up to date zu bleiben, den Boden unter den Füßen verliert. Wie also soll es gelingen, sich in einer Zeit, die ständigen Aufbruch verlangt, selbst treu zu bleiben?

Das ist die Botschaft von „Alienation“: Entscheide dich nicht zwischen Bleiben und Aufbruch und schon gar nicht zwischen Versteck oder Flucht. Verlier dich nicht im Entweder-Oder, sondern lerne, die Quelle deiner Kraft im Sowohl-als-auch zu entdecken. „Go on and drive“, heißt es in „Anybody have a roadmap“, und „Keep your eyes fixed on anything you seem to know“. Oder: „It's that love and hate relation that keeps us hanging on“ („Alienation“).
Musikalisch drückt sich diese Haltung in einem souveränen Parcours durch die Stilrichtungen aus. In der Kunsttheorie bedeutet „Alienation“ Verfremdung, also eine erneuernde Anverwandlung, die Vertrautes in neuem Licht erscheinen lässt und auf diese Weise kritische Distanz ermöglicht. Genau das tut das Album, ohne dabei ins Zitathafte zu geraten. Die Handschrift der Band ist unverkennbar und hat über die Jahre eine musikalische Persönlichkeit herausgebildet, die es sich erlauben kann, den eigenen Horizont in jede Richtung zu erweitern.

Eine irrsinnig gute Band, deren Mitglieder bei anderer Herkunft vermutlich Weltstars wären und deren Musik in ihrem Detailreichtum nur wenig Konkurrenz zu fürchten hat. TIPP!
depechemode.de

So erklimmen Slut mit „Alienation“ die nächste Stufe der Polyvalenz. Die Lieder brechen mit dem klassischen Song-Schema, wechseln die Richtung, überraschen mit immer neuen Einfällen und bewahren trotzdem ihren Ohrwurmcharakter. Den verbindenden Grundansatz könnte man als „zurückhaltende Opulenz“ beschreiben. Slut fährt auf, was Slut hat und kann, aber ohne den/die HörerIn im Orchestralen zu ertränken. Immer bleiben die verwendeten Mittel klar erkennbar, jede Stimme unterscheidbar, jedes Geräusch bei sich selbst, jedes Klang-Panorama sauber geschichtet. Bis hin zur Präzision eines Elektro-Minimalismus („Broke My Backbone“), der sich von Loop zu Loop zur mitreißenden Hymne steigert, um beim Sound einer Knochensäge zu enden.

Es gibt viele Arten des Älterwerdens, und die meisten sind scheiße. Die Kräfte schrumpfen, die Neurosen blühen. Jede getroffene Entscheidung ein Massaker an ungenutzten Möglichkeiten. Mit „Alienation“ führen Slut vor, dass echte Reifeprozesse mit einem Anwachsen von Vitalität zu tun haben. „Alienation“ ist ein Buch mit vielen Kapiteln, die alle davon erzählen, wie man auf der Reise durchs 21. Jahrhundert und durch die eigene Biografie bei Kräften, bei Verstand und bei sich selbst bleiben kann. In dieser Musik fühlt man sich zu Hause, ohne den Geruch ungelüfteter Sofakissen ertragen zu müssen. Also, bitte: Kaufen, staunen, genießen.

www.slut-music.com

Support: And the Golden Choir

Ein Mann mit Gitarre und Plattenspieler – and the golden choir. Ein hochintimes Blendwerk und ein sich gnadenlos offenbarendes Schauspiel. Eine tänzelnde und unwirkliche Inszenierung von Musik, ein Chanson und ein Blues und ein Theaterstück in unzähligen mikroskopischen Akten.

Als Gitarrist der Musik und Text auf zuvor ungehörte Weise verschmelzenden Delbo war er zuerst in Erscheinung getreten. Als Sänger des Musik in Prachtbauten und zurück übersetzenden Popkollektivs Klez.e hatte er Hintergrund gegen Bühnenrand getauscht. Als Produzent von Phillip Boa, Herrenmagazin, Gary, Juli, Kettcar und Me And My Drummer war Tobias Siebert zur wichtigen Figur im Musikkosmos geworden. Nun löst er sich auf. In einem Feuerwerk nach innen und einem Projekt, das sich persönlicher als alles zuvor von ihm gehörte präsentiert. Begleitet von einem anmutig und knisternd transparent produzierten Sound einer eigentlich gar nicht existenten Band. Einer Band, die sich als Konserve auf einem Plattenspieler dreht. Als minimale Simulation eines Konzerts. Oder als maximal berührende Inszenierung von Kunst und Künstler. Hauptfiguren und Pronomen konnte man im Werk Sieberts und angeschlossener Gruppen noch nie ganz vertrauen. Und so ist And the Golden Choir der Versuch einer vorsätzlichen Täuschung. Die funktioniert, weil sie betört, berührt, betäubt.

andthegoldenchoir.com