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ARGEkultur • 14.11.2019 • Sebastian Linz, ARGEkultur

Editorial Winter 2019/2020

Liebe Zuschauer*innen,

Kunst und Kultur, vor allem die Popkultur und deren Musik, galten immer als große Gegenerzählungen zum gesellschaftlichen Mainstream, zu Kommerz und Ökonomie. Dass dieses Narrativ heute längst verblasst ist oder sich als – mancherorts immer noch gern erzählter – Mythos entpuppt hat, liegt nicht nur daran, dass Popkultur seit jeher eng mit dem Markt verbunden war – oder in den vergangen Jahrzehnten vom Markt ‚vereinnahmt’ worden wäre. Auch das Gegenteil ist der Fall: Heute gelten in allen gesellschaftlichen Bereichen Werte des Kulturellen – Freiheit, Individualismus, Authentizität, Kreativität, Flexibilität. Kulturalisierung des Marktes, der Ökonomie, des Sozialen. Die Revolutionen von gestern sind die Wirtschaftsfaktoren von heute! – Wenn also Kultur und ihr vermeintliches Gegenteil so ununterscheidbar voneinander durchdrungen sind, ist es mit dem Narrativ einer Gegenkultur (beispielsweise als Funktion von Popmusik) nicht mehr weit her.

Ein Blick auf die aktuellen Charts lässt dann aber doch erschaudern: Während sich ein Großteil der aktuellen Popmusik ins unpolitisch Private hineinkuschelt, produziert kommerziell erfolgreicher HipHop im Zeichen von realness und street-credibility fortlaufend misogyne und antisemitische Diskriminierungen oder beheimaten sich sogenannte Volks-Rock’n’Roller am ganz rechten Rand.

Der Popjournalist und Musikkritiker Jens Balzer macht nun eine andere Kategorie als die der Gegenkultur geltend: die der Verantwortung. Am 17. Jänner liest er aus seinem aktuellen Buch POP UND POPULISMUS. ÜBER VERANTWORTUNG IN DER MUSIK – als Auftakt unserer neuen Veranstaltungsreihe POP UND POLITIK, in der wir in loser Folge die Spannungsfelder zeitgenössischer Popmusik vermessen wollen. – Und dass es um den deutschsprachigen und österreichischen Pop vielleicht doch nicht so düster bestellt ist, zeigt unser Konzertprogramm in den nächsten Monaten: viel politischer HipHop, überwiegend Künstlerinnen. Mieze Medusa und Tenderboy – im Rahmen des Symposiums GESCHLECHT.MACHT.ARBEIT und unserer fortgeführten Reihe FEMPOWA – Ebow, Mascha, EsRAP, Kid Pex, Dives, Mira Mann.

Um Verantwortung geht es auch im nächsten MotzART SALON, der entlang des Festivalmottos – KORREKTE KOMIK? – den Konflikt von Satire und politischer Korrektheit beleuchtet. Der Kabarettist Severin Groebner unterhält sich mit der lesbisch/queeren Performerin Denice Bourbon, der Autorin Lena Gorelik, dem Satiriker Leo Fischer (DIE PARTEI) und dem Comedian Soso Mugiraneza – der Eintritt ist wie immer frei.

Zeit für neue Verantwortung also.

Ihr Sebastian Linz

© Sebastian Linz, ARGEkultur