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Kritik • 10.12.2010 • Heidemarie Klabacher, DrehPunktKultur

Politische Bildung light

Wie ein Phönix aus der Asche taucht von Zeit zu Zeit "stART" auf. Soll so sein. Unter welchem Mäntelchen zeitgenössische Musik präsentiert wird, soll egal sein, wenn es so humorvoll passiert, wie in den Miniaturen "Der Tribun" und "Top Spots" in der gemeinsamen Produktion von ARGE und Österreichischem Ensemble für Neue Musik am Donnerstag (9.12.) in der ARGE.

Ein Konzern von Könnern. Ein mulitNAZIonaler Konzern. Ich habe Euch die Freiheit gebracht. Wer fühlt sich nicht frei? Es gibt keine Argumente, es gibt nur Produkte. Wir Menschen rechten nicht. Wir wollen keine Menschenrechte!

"Der Tribun" von Mauricio Kagel: Da kann nicht viel schief gehen. Zu zeitlos gültig ist die schlichte Botschaft, zu skurril gleichzeitig der Humor in diesem "Hörspiel für einen politischen Redner, Marschklänge und Lautsprecher" aus 1979. Ein Konzernleiter (ein Manager - igitt), ein Politiker, ein Despot (oder alles in einer Person) bereitet sich auf seinen Auftritt vor den Massen vor.

Der Dirigent Jorge Rotter hat bei der Inszenierung von Martina Gredler das als Bühnenorchester verkleidete oenm dirigiert. Auf Rotters Anregung hin (ein Argentinier für den anderen) habe das Österreichische Ensemble für Neue Musik das Stück in den Blick genommen, erzählte oenm-Geschäftsführer Alexander Kraus in der ARGE.

Kagel erhielt für seinen "Tribun" damals den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Leichte Aktualisierung erhält der Text in der Koproduktion durch eingespielte Bilder von der jüngsten Ölkatastrophe. Die martialischen Märsche, mit deren Hilfe Mauricio Kagel den eigenen Text mit eigenen Klängen untermalt, sind nach wie vor wirkungsvoll in ihrer naiv-ironischen Simplizität: Hymen, Märsche und ähnliche Triumphmusiken sind ja auch dafür geschrieben, dass sie das Denken durch Kollektiv-Fühlen ersetzen - und so die Menschen manipulierbar machen. Mit diesen Mechanismen spielte einst Kagel - und gab sich so plakativ dabei (auffallenderweise stärker in der Komposition, als im Text), dass es fast schon wieder subversiv ist. Jedenfalls können wir nicht behaupten, dass "Der Tribun" dreißig Jahre später keine Geltung mehr habe. Albert Weilguny ist ein ebenso liebenswürdiger wie bedrohlich geisteskranker Konzernvater.

Dem Konsumverhalten wird im zweiten Teil ein Spiegel vorgehalten: Theodor Burkali hat ebenfalls musikalische Miniaturen für Bläserensemble und Schlagzeug geschrieben. Martina Gredler hat dazu aus Werbespots und Kaufhausnamen einem Text montiert, den Bettina Wiehler und Paul Schaeffer mit dem irrsinnigen Lächeln von Reklame-Schauspielern auf die Bühne gebracht haben. Dass das Einkaufsverhalten westlicher Menschen gelegentlich wahnhafte Züge aufweist, wird mit liebenswürdig aber doch recht kräftig geschwenktem erhobenen Zeigefinger "aufgezeigt". Aber was man alles Sinnvolles mit einem Einkaufswagerl anstellen kann (statt es für viel Geld mit künftigem Müll zu füllen), das wird man sich merken.