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Kritik • 11.03.2011 • Reinhard Kriechbaum, DrehPunktKultur

Wenn es zehn vor zwölf dreizehn schlägt

Es haben nicht nur die gegenständlichen Bilder laufen gelernt: Gerade die Surrealisten, die Dadaisten und sogar die Anhänger einer abstrakten (bildenden) Kunst haben sich vom neuen Medium faszinieren lassen. Daran erinnerte man bei der Biennale am Donnerstag (10.3.) in der ARGEkultur.

"Un chien andalou", eine Zusammenarbeit des Filmemachers Luis Bunuel und des Malers Salvador Dali, darf bei einer solchen Kompilation von experimentellen und surrealen Stummfilmen aus den zwanziger Jahren natürlich nicht fehlen. Mehr Raritätenwert hat da schon der "Vormittagsspuck" - im Vorspann wirklich so geschrieben! - von Hans Richter. Da fliegen Melonen durch die Lüfte, Menschen verlieren ihre Köpfe oder verschwinden ganz, Revolver und Feuerwehrschläuche führen ein Eigenleben, und eine immer wieder ins Bild kommende Uhr zeigt uns, das es schon zehn vor zwölf dreizehn schlägt. Solange bis die vier Herren doch noch zum Kaffee im Garten kommen, weil auch das zerbrochene Service wieder ganz wird. Von Geisterhand wird eingeschenkt.

Das Verspielte, das Hintersinnige: Das lässt sich natürlich gut musikalisch illustrieren. Für dieses - hier erstmals in Österreich vorgestellte cineastische - Projekt haben sich mehrere Festivals und Kunstmuseen zusammengetan und zeitgenössische Komponisten neue Filmmusiken schreiben lassen.

In einem Fall sogar eine Uraufführung: Clemens Gadenstätter (1966 in Zell am See geboren) hat zum "Lichtspiel Opus III" von Walter Ruttmann (1887-1941) eine "Bildstudie" geschrieben: Das ist also Filmmusik ohne Film, ein Entr'acte, der aus dem zuvor Gesehenen heraus im Hörer Bilder wecken will. Die Musiker greifen auch zu Taschenlampen und das typische Projektor-Surren aus der Vor-DVD-Ära wird als zusätzliche Klangfarbe und Assoziationshilfe genutzt.

Walter Ruttmanns "Lichtspiele", sechs Kurzfilme insgesamt, eröffneten den Abend. Der Maler stand wohl dem Bauhaus nahe, er lässt Kugeln, Dreiecke und amöbenartige Gebilde über die Leinwand wandern, auf Kollissionskurs gehen, sich farblich und im Tempo verändern. Das Erstaunliche: Jene Komponisten, die Formen und Farben eins zu eins umgesetzt haben, machten deutlich, dass diese Filmchen selbst so etwas wie bildnerisch gefasste Musik sind.

Ein Klassiker: das "Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau" von Lászlo Moholy-Nagy, ein so phantasiereich wie ästhetisch "abfotografiertes" skupturales Kunstwerk aus Lochblech und Draht, das ungemein viel Leben gewinnt im neuen Leben (und in der dazu goldrichtig gewichteten Musik von Georg Kratzer, um wenigstens einen der Komponisten auch beim Namen zu nennen).

Und eine Rarität: "Entr'acte" von René Clair, filmische Pausenfüller für Aufführungen einer Pariser Balletttruppe. Eric Satie hat dazu die Musik geschrieben, er taucht als einer der Protagonisten im Film auf. Seine sich steigernde Minimal-Music zu einem Leichenkondukt im Laufschritt, der sogar auf eine Hochschaubahn führt, hat starke Sogwirkung. Ob mit Dirigent (Vincente Larranaga) oder ohne: Das "Ensemble ascolta" hat an dem Abend grandiose Synchron- und Klangarbeit bewundern lassen.