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Presse • 31.05.2011 • Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten

Wut macht laut

Protest. Kreisky und Ja, Panik gelten derzeit als wichtigste Stimmen deutschsprachiger Rockmusik. Zu Recht!

"Trouble" heißt das neue, dritte Album von Kreisky. "Trouble" heißt auch ein Song auf dem neuen, vierten Album von Ja, Panik. Beide Bands gibt es seit 2005. Beide stammen aus Österreich, wobei Ja, Panik seit einiger Zeit in Berlin Quartier bezogen hat. Zwei Mal Trouble also? Auf Alben von Bands, die in Feuilletons wie in Fachmagazinen wahrgenommen werden, als aktuell wichtigste Stimmen deutschsprachiger Rockmusik? Ein Mal Trouble - das könnte Zufall sein. Aber zwei Mal? Das klingt nach Bestandsaufnahme der Welt und des Privaten, die in beiden Fällen ebenso zur Gesellschaftsanalyse wird wie zur Demonstration, wozu Rockmusik fähig ist.

Tatsächlich kämpfen beide Bands. Sie tun es mit der Schwierigkeit, sich in einer Musikwelt und in Themen zu bewegen, die jeder kennt. Es geht um Rockmusik. Und es geht um Protest und innere Verzweiflung.

Die Sehnsucht nach dem Protest im Lied gehört zur Popmusik. Und es existiert auch eine Sehnsucht nach Manifesten. Ja, Panik hat das - hinterfotzig doppelbödig - gleich in den Albumtitel geschrieben: "DMD KIU LIDT." Heißt: "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit." In der Ausformung von Zweifel und Angst lauert freilich die Referenzhölle. Der Song als Kunstform wird aufgeladen mit Zitaten und Verweisen auf Politik, Pop und Literatur. Ja, Panik geht souverän damit um.

Unangepasste Haltung, eine kritische Distanz zum eigenen Tun und zur Welt überhaupt - das beherrschen beide Bands. Weil sie das in aufregende, bei aller Hirnarbeit körperlich ergreifende Musik verwandeln, muss man ihnen mit Begeisterung zuhören.

Kreisky geht es radikal an. Es regiert der Zorn von der ersten Zeile an - glaubt man, wenn man eine Zeile hört wie: "Was wir anzünden/Und wen wir anzünden/Ist doch letztlich egal/Hauptsache, es brennt." Dann aber, wenn Sänger und Texter Franz Wenzl weit ausholend erzählt - öffnet er den Blick hinter die Fassade, die aus lauten Gitarren gebaut wird. Dort lässt sich unerwartet Mitgefühl entdecken, eine Ebene, auf der nicht Eindreschen, sondern Mitdenken zählt.

Atemlos klingen beide Bands. Ein zentraler Song bei Ja, Panik heißt "Nevermind", wie vor 20 Jahren Song und Album von Nirvana hießen. Raserei und Zorn waren in dem Song vereint. Ohnmacht und Aussichtslosigkeit, mit Wut darüber, dass alles Lüge ist - und wenn schon nicht Lüge, dann jedenfalls eine Dauerwiederholung. Ihr ist nur eine zeitgemäße Deutung und Sprache des Ewigen entgegenzusetzen.

Genau das gelingt Ja, Panik. Aus den Bausteinen der Rockmusik schafft sie ein Schloss des Schmerzes. Keine wehrhafte Trutzburg entsteht, sondern ein Gebilde, das gefährlich wankt, bewegt von Selbstzweifel. Freilich war schon alles da, die Trauer, die Wut, der Schmerz, und alles hat auch schon seine Form in der Popmusik bekommen. Protest oder Aufstand sind aussichtslos, wenn erwartet wird, dass ein Aufschrei, eine wütende Zeile etwas ändern würde. Um diese Aussichtslosigkeit weiß Kreisky so gut wie Ja, Panik Bescheid. Was bleibt? "Ich verbrenne meine Manifeste, ich verbrenne meine Gitarre. Die Leute sagen, ach, sei nicht so besorgt, aber besorgt, das ist nun, was ich bin", heißt es bei Ja, Panik. Beide Bands kreieren große Rockmusik. Sie schöpfen sie von dort, wo sie am besten aufgehoben ist: in einem wachen Geist des Aufbegehrens. Kreisky ist derzeit auf Tournee und spielen am Mittwoch, 1. Juni, in Salzburg (ARGEkultur). Ja, Panik tritt am Mittwoch in München auf (Feierwerk). Im Herbst gehen Ja, Panik in Österreich auf Tour.