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Kritik • 16.11.2011 • Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten

Begrabt das Ich unter dem Zuckerberg

Pop. Die Songs von PeterLicht gelten immer. Geschrieben aber sind sie – mit Melancholie und Wut – für genau jetzt.

PeterLicht macht alles richtig. Immer schon, seit er vor elf Jahren seine ersten Songs veröffentlichte. Nun gibt es das fünfte Album. Es heißt „Das Ende der Beschwerde“ – und in den zwölf Songs ist nichts anders zu hören. Schon, schon: Der Songwriter betrachtet die Gesellschaft und ihre Phänomene immer noch aus kritischer Distanz. Mit Betonung auf „kritisch“. Denn PeterLicht weiß um das Problem der Distanz bei der Formulierung von Kritik: Gesellschaft sind wir alle. Also auch das Ich und nicht nur das Du. Keiner schafft es aber so mühelos, diese Problematik zu thematisieren und gleichzeitig eine ernsthafte, allgemeingültige Analyse zu betreiben.

PeterLicht tut es – in konsequenter Fortsetzung des Vorgängeralbums „Melancholie und Gesellschaft“ (2008) – in geradezu fröhlicher Stimmung. Das lässt sich in vielen Songs auf dem Album hören und es ließ sich bei seinem Auftritt in der ARGEkultur am Wochenende erleben. Da spielte PeterLicht zunächst eine Stunde lang nur neue Songs. Fotos gibt es immer noch keine von ihm. Auf der Bühne aber tritt er ins Licht. Das tut er locker und lässig. Und es begleitet ihn eine Band, die ist wie er: spielfreudig, aber konsequent genau in der Umsetzung bis zum letzten Komma.

Erzählt wird auf „Das Ende der Beschwerde“ von einer Sonne, die das ganze Geld verbrennt. iPhones sollen an der Biegung des Flusses vergraben werden („Da, wo in der Mitte der Gesellschaft eine Kausalkette entspringt“) – angelehnt an das Buch von Dee Brown von 1970, einer großen Faktenerzählung über den Untergang der Indianer in Nordamerika. Es wird Philosoph Peter Sloterdijk abgewandelt: „Du, du, du und dein Leben: Ihre beide müsst dein Leben ändern.“ Es gibt – wie immer schon – einen ganzen Berg von Sätzen, die man im richtigen Moment als ideale Zitate zur Zeit verwenden kann. Etwa das hier: „Blast meine geheimen Nummern in die Wolken, die vorbeiziehen. Und häuft Euch einen Zuckerberg.“ So bekommt man iCloud und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in einen Satz, der in aller Freundlichkeit ein sozialer Sprengsatz ist.

Es gibt aber eben auch Sätze, die ohne Zeit und Ort und Raum von inneren Kämpfen berichten: „Mit jedem Wort, das mich verlässt, werde ich weniger.“ Oder: „Ich wüsste niemanden, der sich selbst gehörte“, singt er.

Das ist alles doppelbödig, weil es aber auch von Melancholie und romantischem Sehnen umweht ist, öffnet sich niemals die Ironiefalle. Es klingt jeder noch so messerscharfe Satz in einer Musik, die sanfte Deckung gibt. Diese Musik wird bei den schwergewichtigen Wortfällen gern und leichtsinnig überhört. Dabei ist es ganz große, ganz fein gesponnene Popmusik auf Gitarren- und Klavierbasis. Wie in den Texten legt sich PeterLicht auch bei der Musik nicht endgültig fest. Jede Melodie für sich aber schafft ein Grundgefühl. Diese Gefühle entsprechen recht häufig einem leichten Unbehagen, wenn nicht einer Art Ohnmacht in Zeiten der bröckelnden Sicherheiten. Unaufdringlich klingt das, als wäre es der Sound der Occupy-Bewegung und ist doch schon viel länger da: „Du blickst in die Herde und wartest auf das Ende der Beschwerde“, singt er.

PeterLicht, sonst auch als Theatermacher und Maler tätig, bleibt auf seinem fünften Album und bei seinen Konzerten eine undefinierbare Menge aus Eigenbrötler, aus genialem Wortsucher und gefühlsbetontem Melodienfinder, aus Kritik und Wohlgefühl, aus Zitatenschatz und Slogan-Pop. Alles, was er macht, klingt unfassbar normal, radikal alltäglich – und doch hat es doppelte Böden, literarische Wucht und intellektuelle Tiefe. Kurz: große Popmusik.