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Kritik • 20.10.2008 • Karl Harb, Salzburger Nachrichten

Kafka durch die 3D-Brille

Preis für Medienkunst. Das preisgekrönte "stereoskopische Echtzeit-Tanz-Theater-Stück" nach Kafkas "Prozess" in der ARGEkultur.

Der seit 2006 jährlich vergebene Preis für Medienkunst zählt zu jenen Kulturförderungen des Landes Salzburg, die verstärkt innovative Ansätze würdigen wollen. Die "Schmiede" in Hallein ist dafür als Kooperationspartner das richtige Labor. Das Preisgeld (10.000 Euro) gibt den Ausgezeichneten die Gelegenheit, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Das Künstlerduo "1nOut" (Robert Praxmarer und Reinhold Bidner) konnte solcherart mit der Ehrung von 2007 seine mediale "Echtzeit"-Performance nach Motiven aus Franz Kafkas - derzeit besonders gerne dramatisiertem - Roman "Der Prozess" realisieren. Beim "tanz_house"-Festival fand am Samstag die Erstaufführung in der ARGEkultur statt. Das Stück wird für die Kulturhauptstadt Linz 2009 noch weiterentwickelt.

Das "kafkaeske Verwirrspiel" um Josef K., der eines Morgens verhaftet wird, "ohne dass er etwas Böses getan hätte", wird derart suggeriert, dass das Publikum über den "Delinquenten" zu Gericht sitzen soll. Der "Prozess", den drei Tänzerinnen und ein Darsteller in "reales" Spiel und Choreografie übersetzen, wird zeitgleich gefilmt, unmittelbar bearbeitet, auf die Leinwand projiziert. Bühnengeschehen und gefilmte "Realität" sollen so miteinander kommunizieren. Mit Hilfe von 3-D-Brillen stellen sich die Zuschauer plastisch den Raum her: Augen rollen auf einen zu, das Gesicht des "Richters" formt und verzerrt sich kristallin, schluchtartige Gänge saugen einen auf.

Praxmarer und Bidner arbeiten suggestiv. In der ersten Sequenz entsteht beispielsweise eine durchaus pointierte "Sprech-Fuge". Insgesamt aber wirken Erzählhaltung und Choreografie allzu bieder, flach und durchschaubar. So wird das existenzielle Thema Kafkas arg verkürzt. Und die mediale "Innovation" fängt die Schwachstellen nicht auf.