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Kritik • 22.12.2008 • Tobias Pötzelsberger, Salzburger Nachrichten

Große Songs, klein gemacht

Konzert. Ein lauter Mann singt leise Lieder: Naked-Lunch-Sänger Oliver Welter gastierte nur mit einer Akustikgitarre in der ARGEkultur Salzburg.

Wer ihn zum ersten Mal erlebt, könnte Oliver Welter leicht unterschätzen. Falten graben sich durch sein Gesicht, er sieht erschöpft aus. Er ist oft unwirsch und wirkt dadurch bisweilen wie ein vorlauter Krakeeler. Und er spricht im Kärntner Dialekt, einer Sprachfärbung, die alle ein wenig belächeln - außer die Kärntner.

Aber so kann man sich täuschen. Tatsächlich ist Welter nicht erschöpft, sondern hat nur viel erlebt. Sein rüdes Auftreten ist nicht Arroganz, sondern entwaffnende Ehrlichkeit. Und der Kärntner Dialekt? Na gut, den hört man ja nicht, wenn er auf Englisch singt.

Oliver Welters Brotjob ist die Klagenfurter Band Naked Lunch, die vor allem deshalb zu den besten österreichischen Bands gehört, weil ihr heruntergedrosselter Melancholie-Rock nicht nach Österreich klingt, sondern nach der großen Popwelt.

Zu beweisen, ob diese Musik auch ohne den Pomp einer großen Band und diverser Studiospielereien auskommt, war Oliver Welters Aufgabe beim Konzert am Freitagabend in der ARGEkultur im Nonntal. Nur mit einer Akustikgitarre spielte er Songs aus den letzten beiden Naked-Lunch-Alben und aus einem Filmmusikprojekt, das die Band vor Kurzem abgeschlossen hat. Es war einer dieser Abende, an denen nach wenigen Tönen klar ist: Ja, das wird etwas.

Oliver Welter ist weder ein erstklassiger Gitarrist noch ein besonders genauer Sänger, doch das zählt nicht. Kunst kommt hier nicht von Können, sondern vom Herzen.

Sanft beginnt Oliver Welter das Konzert, mit gezupften Akkorden und gegerbter Stimme holt er die Essenz der Naked-Lunch-Songs behutsam hervor. Große Songs werden klein gemacht und funktionieren trotzdem. Eineinhalb Stunden lang klingen nur Gesang und Gitarre, und doch ist das Publikum stets gespannt und ruhig.

Dass das Konzert niemals langweilig wird, ist das Zeugnis der Erhabenheit dieser Lieder. Am stärksten jedoch ist Welter, wenn er lauter wird und von den Balladen einen Gang nach oben schaltet, wie etwa beim großartigen "Military of the heart". Der Song ist eine wehende Hymne, eine Liebeserklärung an die Welt, die Familie und Freunde. Dass dabei die Orgel, das Schlagzeug, die lauten Gitarren fehlen, die man von der Studioversion gewöhnt ist, spielt keine Rolle.

Für Oliver Welter ist der Abend freilich anstrengend, nach jedem Song atmet er aus, in einer hörbaren Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung. Wieder ein Lied, wieder ein Stück Herzblut ist draußen. Musik zu machen hat viel mit Geben zu tun, was zurückkommt ist aber immer ungewiss.

Oliver Welter muss sich deshalb wenig Sorgen machen. Er ist mit Naked Lunch längst zum wahrscheinlich besten Songschreiber des Landes aufgestiegen. Dass er es auch allein kann, ist schön zu wissen.