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20.09.2016 um 19:30 Uhr

„Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch“

Von Jaan Tätte. Regie: Michael Kolnberger. Raum: Arthur Zgubic. Salzburger Erstaufführung.

ARGE theater Koveranstaltung mit theater.direkt
„Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch“ am 20.09.2016 um 19:30 Uhr
Illustration © Arthur Zgubic

Es waren einmal: der einsame Fischer Osvald in seiner Hütte und das smarte Paar Laura und Roland auf Quartiersuche…
Mit viel Ironie und sarkastischem Witz erzählt der 1964 in Estland geborene Jaan Tätte in seinem Debüt-Stück von den elementaren Lebenssegmenten: Liebe, Macht, Sex und Geld. In einer Collage aus Mythen, Märchen, Psychothriller und Horrorgeschichte, erinnert das preisgekrönte Drama an Filme von Roman Polanski und an Aki Kaurismäki mit ganz unerwarteten Wendungen. Mit: Bina Blumencron, Jurij Diez, Larissa Enzi und Wolfgang Kandler.

„Es waren einmal Osvald, ein einsamer Fischer in seiner Hütte, und Laura und Roland, ein junges smartes Paar. Sie gingen in den Wald, es war auf einmal finster und auch so bitterkalt. Sie kamen an sein Häuschen und fragten um ein Quartier…“

Der wortkarge Eremit gewährt dem weltfremden, behüteten, jungen Paar zunächst warmherzig Einlass und bietet ihnen großzügig an, die Nacht in seiner Hütte zu verbringen. Alsbald folgt jedoch ein fatales Angebot: Falls ihm die schöne Laura für diese Nacht überlassen wird, dann werden Roland und sie mit einem großen Schatz belohnt, den Osvald kürzlich im Teich hinter der Hütte gefangen hat...

Von Szene zu Szene entwickelt der Text seine rätselhaften Verästelungen und wirft zugleich beim Publikum irritierende Fragen auf: Will Osvald die Liebe der beiden lediglich auf die Probe stellen? Ist er ein Träumer, der die Geschichte vom goldenen Fisch phantasiert oder einfach nur ein verrückter Eigenbrötler, der sich in das Foto der badenden Nixe vernarrt hat. Oder ist er womöglich ein Teil einer Gaunerbande, die ihre Beute dort zwischengelagert hat?

Mit viel Ironie und sarkastischem Witz, aber immer die Mittel des Theaters im Auge, erzählt Jaan Tätte in seinem Debüt-Stück von unseren elementaren Lebenssegmenten und ihren Abgründen: Anhand des Motivs des Liebesverrats konfrontiert er uns zynisch mit der beängstigend zunehmenden Materialisierung im „Endzeitkapitalismus“ und der daraus konsequenten rücksichtslosen Käuflichkeit, Verführbarkeit und Korruption in allen Lebensbereichen.

  • Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch
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  • Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch

Fotos (c) Piet Six

Jaan Tätte leuchtet tiefenscharf archaische Ursprünge menschlicher Verhaltensweisen aus und komponiert daraus die unvermeidbaren Folgen sozialer Katastrophen und Krisen.
Das Stück nimmt dadurch die Auswirkungen ökonomischer und politischer Ereignisse im 21. Jahrhundert vorweg. Es zeigt auf, wohin eine Gesellschaft steuert, wenn ethische und soziale Grundwerte verlassen werden; wenn also das Kapital zum Primat aller zwischenmenschlichen Interaktionen und Handlungen wird und diese das Individuum immer mehr objektivieren, bis der Mensch endgültig ersetzt wird durch rein technische Abläufe in allen Produktions-und Lebensbereichen. Davon sind wir mit der 4.0-Debatte auch nicht mehr weit entfernt. Osvalds Landflucht und sein selbstgewähltes Einsiedlertum ist Ausgangspunkt des ethnologischen Diskurses über unser zukünftiges soziales Miteinander in einer digitalen Welt.

Jaan Tättes biologisches Wissen über soziale Prozesse und Verhaltensmuster ist ästhetisch überzeugend in eine fabelhafte Märchenwelt transformiert und künstlerisch feinnervig verwoben. Selten schafft ein moderner, fiktionaler Text ohne Brechtsche Verfremdungsmittel solch einen Spagat zwischen Realität und Phantasie.

Der Titel des preisgekrönten Dramas „Bungee Jumping“ symbolisiert unsere extremen Gefühlspolarisierungen und wie wir in diesen handeln und sehnsüchtig dem Glück hinterherjagen. Bleiben wir auf sicheren Boden oder wagen wir den Absprung?
Der Text lässt sich ebenso wie eine Collage aus nordischen Mythen und Märchen lesen, ist Psychothriller und Horrorgeschichte in einem. Er erinnert an Filme von Roman Polanski und an Aki Kaurismäki mit seinen unerwarteten Wendungen bis zum „ex deus machina-Auftritt der Pizzabotin.
Die unüberhörbare Stärke des Textes sind die wunderbaren, musikalisch sehr gut ins Deutsche übersetzten Dialoge, die poetische Sprache und die klaren Konturen der handelnden Personen.

Eine Produktion von „theater.direkt“ in Koveranstaltung mit der ARGEkultur Salzburg.

  • Mit Larissa Enzi (Laura), Wolfgang Kandler (Roland), Jurij Diez (Osvald), Bina Blumencron (Pizzafrau)
  • Dramaturgie Verena Birgit Holztrattner
  • Raum Arthur Zgubic
  • Inszenierung Michael Kolnberger

Aufführungsrechte: Henschel Verlag Berlin
UA: 1998, Theater Endla, Pärnu, Estland
DE: 2000, Stadttheater Würzburg
OE: 2003, Theater für Vorarlberg
Verfilmung mit dem Autor Jaan Tätte in der Figur des Osvald

Jaan Tätte

Jaan Tätte
Jaan Tätte

Geboren am 24.3.1964 in Estland studierte Jaan Tätte zunächst zwei Jahre Biologie, bevor er sich am Pädagogischen Institut in Tallinn für Regie und Schauspiel einschrieb. Es folgten Engagements als Filmschauspieler und seit 1990 ist er festes Ensemblemitglied am Linnatheater in der estnischen Hauptstadt. Fast gleichzeitig begann er Stücke zu schreiben und sein erstes Drama „Ristumine peateega“ (Bungee Jumping,1998) wurde zu einem internationalem Erfolg. Der Autor lebt in Tallinn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Stücke

Die Brücke (2000)
Fasten Seat Belts oder viel Glück zum Alltag (2001)
Elchtest (2005)
Kaev (2006)

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