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27.10.2017 um 21:00 Uhr

Christiane Rösinger | Schnipo Schranke

Die klügsten & schönsten Chansonnièren des deutschen Pop mit neuen Meisterwerken.

ARGE roter salon No.109
Christiane Rösinger | Schnipo Schranke am 27.10.2017 um 21:00 Uhr
Foto Christiane Rösinger (c) Dorothea Tuch

Endlich das zweite Solo-Album mit neuen Liedern aus der Feder von Christiane Rösinger, instrumentiert, aufgenommen und produziert von Andreas Spechtl (u. a. Ja, Panik). Eine messerscharfe Gegenwartsanalyse zwischen dem Leben im Prekariat und der Rendite der Generation Erben.
Schnipo Schranke legen gleich nach ihrem Debütalbum und dem ersten Jahr ihrer Starwerdung eins drauf, mit ihrem 2. Werk; "rare" ist es geworden, rhythmisch und soundmäßig ausgefuchster, interessanter, düsterer, wilder. Ein Roter Salon im Zeichen großartiger Pop-Chansons.

Christiane Rösinger

Fast hat man das Gefühl eines Comebacks: Christiane Rösinger ist zurück! Dabei liegt ihr Debütsoloalbum „Songs Of L. And Hate“ gerade mal sechs Jahre zurück. Und es ist ja nicht so, als sei die Musikerin und Autorin in der Zwischenzeit komplett von der Bildfläche verschwunden. Zwei Bücher sind erschienen, Hörbücher wurden aufgenommen, es wurde ausgiebig getourt, die monatliche Flittchenbar kuratiert, durch den Kiez flaniert und der eigene Garten bestellt.

Nun also endlich das zweite Solo-Album „Lieder ohne Leiden“, instrumentiert, aufgenommen und produziert von Andreas Spechtl. Ging es auf dem Vorgänger-Album und seinem Titel mit dem Buchstaben „L“ vor allem um die Liebe, dreht sich nun alles um das Leiden. Wobei Liebe und Leid ja oft genug eng beieinander im Bett der Pärchenlüge liegen. Aber Moment mal: „Lieder ohne Leiden“? Christiane Rösinger und Lieder ohne Leiden?! Wie soll das nur gehen?! Man wird schnell feststellen: Gar nicht. Es bleibt ein Wunsch. Der Wunsch einer sensiblen Künstlerin, eben nicht schon wieder leiden zu müssen, um daraus ein wundenleckendes Lied zu machen.

Der Sound des Albums ist aber opulenter und farbenfroher geraten: Die Musik von 60ies Girl-Groups à la Shangri-Las, aber auch die Musik der Beach Boys und Burt Bacharach galten als Vorbild für den Klangteppich. Im Gentrifizierungs-Stampfer „Eigentumswohnung“ hat man fast das Gefühl, die alten Lassie Singers wieder zu hören, die ja auch immer viel 60ies-Bubblegum in ihre Musik zu injizieren wussten.

Inhaltlich ist das neue Album bei aller Lakonie eine messerscharfe Gegenwartsanalyse zwischen dem Leben im Prekariat und der Rendite der Generation Erben. Und dem gedanklichen Raum dazwischen, in dem auch schon mal der „stumpfen Arbeit“ ein Lob ausgesprochen wird, um sich vom narzisstisch-gestörten Kreativzwang unserer Zeit zu befreien.

www.christiane-roesinger.de

Der warme, – man wagt es kaum zu schreiben – fröhliche Klang verschränkt sich so wunderbar mit den Texten, die wie gewohnt kein Gramm Wortfett mit sich herumtragen.
Marco Fuchs, Intro
Rösinger ist die deutsche Songschreiberin, die bis heute am dringlichsten (und dabei unterhaltsamsten) gegen das Männergebalze im Pop ätzt.
Josef Wirnshofer, Süddeutsche Zeitung

Schnipo Schranke

Als vor anderthalb Jahren das Debüt von Daniela Reis und Fritzi Ernst alias Schnipo Schranke herauskam, war man irgendwie irritiert bis begeistert: Dass diese beiden jungen Frauen so derbe Sachen zu so entzückenden Melodien singen. Sie haben nicht locker gelassen und weiter getextet und komponiert, immer weiter: Auch um klar zu machen, dass die wirklich derben Sachen nichts mit „Pimmel“ oder „Pisse“ singen zu tun haben. Sondern mit Liebe, Tod, Vergangenheit, zum Beispiel.

Sie haben sich das DIY-Konzept bei „rare“ nicht ausreden lassen. Keine Streicher, keine Gastmusiker, keine Kompromisse. Wieder hat Ted Gaier (Die Goldenen Zitronen) das Album produziert: Ausgefuchster ist es geworden, rhythmisch und soundmäßig interessanter, düsterer, wilder.

"Singer/Songwriter" im deutschen Kontext, da denken wir an Männer mit Bart und Hut, die Stadien füllen, in dem sie sentimental von Heimat oder Früher singen. Aber Früher und Heimat sind nicht sentimental und Liebe ist nicht dieses Schmusegefühl. Heimat sind auch die Schatten der Vergangenheit und Liebe ist auch einsam auf dem Baum sitzen und warten, bis du endlich mal lüftest. Fassungslos dem Tod ins Gesicht schauen. Von all dem handeln die Songs von Schnipo Schranke. Dass man durch Pipi, Sperma und Eiter reiten muss, es geht um's Sich-Aushalten-Müssen, ums Eingeliefertwerden, um Dope, auf Tour sein, down sein, eine von den Geilen sein und dabei ist „rare“ auch immer wieder schrecklich lustig.

Das zweite Album hätte auch „sick“ heißen können, denn Schnipo Schranke sind voll gestört und darin sehr ehrlich. Sie hängen oft in den Seilen, sind aber total fleißig (sie würden sagen: streberhaft). Und diese Mischung ist selten, um nicht zu sagen: rare.

Bei so viel Pop-Spektakel geht, und das ist die hohe Kunst von Schnipo Schranke, der Witz nicht verloren.
Jördis Hagemeier, Musikexpress

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