DIE KOPIEN von Caryl Churchill
Was würdest du tun, wenn du dir zufällig auf der Straße selbst begegnest? Würdest du deinen biologischen Vater damit konfrontieren? Und wie würdest du dann reagieren, wenn du erfährst, dass es von dir mehrere identische Kopien gibt – die sich nur durch ihre Sozialisation voneinander unterscheiden?
Caryl Churchill, eine der prägendsten Stimmen des britischen Theaters, setzt sich in dem 2002 uraufgeführten Stück DIE KOPIEN mit diesen Fragen auseinander. Sie verzichtet bewusst auf moralische Bewertungen und zeigt stattdessen, wie die Biogenetik unser Verständnis von Individualität verändert. Die Produktion von theater.direkt nimmt die absurd-dubiose Beziehung zwischen Vater und Sohn zum Anlass, um sowohl grundlegende Fragen der menschlichen Existenz zu stellen, als auch aktuelle Bezüge zur Gegenwart (Künstliche Intelligenz) herzustellen: Wie finden wir unsere Identität in einer Welt, in der wir gleichzeitig privat und öffentlich agieren – und in der wir ständig Gefahr laufen, kopiert oder instrumentalisiert zu werden?
- Schauspiel Raphael Steiner (Bernhard 1,2,3), Antony Connor (Salter)
- Inszenierung / Video Helena May Heber
- Bühne / Kostüme Arthur Zgubic
- Dramaturgie / Produktionsleitung Michael Kolnberger
- Regieassistenz Laura Wurzer
- Technik Gunther Seiser
- Fotos Piet Six
- Deutsche Übersetzung Falk Richter
- Aufführungsrechte Rowohlt Theaterverlag, Hamburg
Foto © Manfred Hesch
Raphael Steiner
Raphael Steiner wurde 1993 in Salzburg geboren. 2019 absolvierte er seine Ausbildung zum Schauspieler am Schauspielhaus Salzburg. Anschließend war er bis 2022 Ensemblemitglied und in der Hauptrolle in IN 80 TAGEN UM DIE WELT sowie in Agatha Christies DIE MAUSEFALLE zu sehen. Seit 2020 ist er in der freien Theaterszene Salzburg tätig und und war dort u. a. als Benedikt
in VIEL LÄRM UM NICHTS und in der Titelrolle in CYRANO DE BERGERAC zu sehen. Über die Jahre arbeitete er mit Theatergruppen wie der Theaterachse, Theater ecce, dem Theater der Mitte und theater.direkt.
2021 drehte er für den ORF den Landkrimi FLAMMENMÄDCHEN und für den ARD die Fernsehserie DAS NETZ - PROMETHEUS. 2022 war er für den ZDF bei DIE BERGRETTER und für den ORF bei SCHOOL OF CHAMPIONS zu Gast. Als Singer-Songwriter und Theatermusiker komponierte er Musik für Stücke wie ALLE GUTEN DINGE SIND DREI, M.E.E.T., ATMEN und ROBERTO ZUCCO. Im Oktober 2024 erschien sein Singer-Songwriter-Debütalbum NIGHTLESS DREAMER.
Foto © Kerstin Muth
Antony Connor
Antony Connor, geboren 1965 in Allentown (Pennsylvania), ist ein österreichischer Schauspieler mit slowenisch-irischen Wurzeln. Nach seiner Schauspielausbildung am Prayner-Konservatorium in Wien folgten Engagements an renommierten Bühnen in Österreich und Deutschland. Zu seinen wichtigsten Stationen zählen das Theater der Jugend und das Volkstheater in Wien, die Städtischen Bühnen Osnabrück, das Zimmertheater Tübingen, das Landestheater Bregenz sowie das Schauspielhaus Salzburg, dessen Ensemble er von 2009 bis 2025 angehörte.
Antony Connor lebt in Salzburg und am Ammersee in Bayern.
Foto © Ulrik Hölzel
Helena May Heber
geboren 1997 in Salzburg, absolvierte 2016 ihre Ausbildung zur Bildhauerin an der HTBLA Hallstatt. Danach folgte das Schauspielstudium am Schauspielhaus Salzburg, das sie 2021 mit Diplom abschloss. Weitere Engagements führten sie an die TheaterArche Wien, das Theater ecce, das Theater der Mitte, die Schauburg München, inscriptum und zu Opera Incognita.
2023 war sie unter anderem als Gretchen in FAUST bei den Festspielen der Stadt Dorfen zu erleben. Sie besuchte Kurse bei Keith Johnstone, Adrian Goiginger, Kristian Nekrasov und Marcelo Diaz.
2022 war sie als Regieassistentin und Inspizientin an der Schauburg München tätig. Für den Verein Töchter der Kunst
übernahm sie die Ko-Regie für BRAVO GIRL und bei theater.direkt die Regie für ELSE (OHNE FRÄULEIN) (2023) und ATMEN (2025). Derzeit arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin, Bildhauerin/Ausstatterin und Regisseurin im deutschsprachigen Raum.
Laura Wurzer
geboren 2003 in St. Johann im Pongau, entdeckte sie früh ihre Begeisterung für Sprache, Literatur und Theater. Seit 2022 studiert sie Germanistik und Geschichte (Lehramt) an der Universität Salzburg. Im Studienjahr 2024/25 war sie studentische Mitarbeiterin am Fachbereich Geschichte, seit Herbst 2025 arbeitet sie als studentische Mitarbeiterin am Fachbereich Germanistik. Zudem betreut sie Tutorien der Germanistischen Sprachwissenschaft. Seit 2025 ist sie als Regieassistentin für theater.direkt tätig.
Die Autorin
Die 1938 in London geborene Caryl Churchill gilt bis heute als eine der einflussreichsten britischen Dramatikerinnen und war zwischen 1974 und 1975 Hausautorin am legendären Royal Court Theatre in Soho. Ihre Familie floh während des Krieges nach Kanada, wo sie bis 1955 lebte, bevor sie zum Literaturstudium nach Oxford zurückkehrte.
Inspiriert vom Theater des Absurden, von Antonin Artaud und Bertolt Brecht, entwickelte Churchill eine eigenwillige Ästhetik: Sie verband gängige Rezeptionsmuster mit düsterem britischem Humor und ließ ihr Publikum mit unbequemen Fragen zurück – wie in einem Labyrinth ohne Ausgang. Bemerkenswert ist ihre virtuose, visionäre Sprachbehandlung. In „Top Girls“ (1982), einer schonungslosen Bestandsaufnahme zur Stellung britischer Frauen unter Margaret Thatcher, entwickelte sie erstmals ihre charakteristische Dialogtechnik überlappender Stimmen und unvollendeter Satzfragmente („Leerstellentechnik“) – ein Stil, der später etwa Sarah Kane und Mark Ravenhill prägte. Ihre Figuren bleiben dabei bewusst skizzenhaft: Churchill verweigert Psychologisierung und überlässt es dem Publikum, sich selbst ein Bild von ihren Bühnenmenschen zu machen.
Ihr Themenspektrum reicht von politisch-historischen Stoffen („Cloud Nine“, 1979) über Umweltfragen und Machtverhältnisse bis zu radikal feministischen Texten, weshalb sie mitunter als erste postmoderne Feministin bezeichnet wurde – wenngleich ihre Stücke stets klassische Theatertexte bleiben und kein postdramatisches Texttheater. Jedes ihrer Werke folgt einer eigens entwickelten, unverwechselbaren Dramaturgie. Wie schon bei Shakespeare spielen bei ihr Frauen Männer und umgekehrt – lange vor heutigen Debatten über kulturelle Aneignung. Viele ihrer knappen, oft surrealen Texte entstanden nicht am Schreibtisch, sondern in gemeinsamer Improvisationsarbeit mit dem Ensemble. Neben über 40 Theaterstücken schrieb sie früher auch Hörspiele für die BBC – aber keine Lyrik und keine Prosa.
Zuletzt geriet Churchill jedoch weniger wegen ihres Werks in die Schlagzeilen als wegen der Aberkennung eines Europäischen Dramatikerpreises 2022, nachdem sie wegen ihres Textes „Seven Jewish Children – A Play for Gaza“ (2009) des Antisemitismus bezichtigt wurde. Der kurze Text, der 70 Jahre israelischer Geschichte aus dem Blickwinkel jüdischer Väter erzählt, ist kostenlos zugänglich, wird ohne Kartenverkauf aufgeführt und war stets mit einem Spendenaufruf für notleidende Palästinenser verbunden. Die Aberkennung des Stuttgarter Dramatikerpreises ist also mehr als fragwürdig und müsste eindringlicher beleuchtet werden, bevor diese Anschuldigung weiter an ihr haften bleibt und ihr Lebenswerk torpediert. Ihr „Gaza- Text“ erlaubt übrigens auch ganz andere Interpretationsmöglichkeiten. Churchill reagierte mit einer ungewöhnlich persönlichen Gegendarstellung im „Guardian“ auf die Anschuldigungen; Unterstützung erhielt sie unter anderem vom jüdischen US-Autor Tony Kushner, der bereits 2002 eine vielbeachtete Besprechung von „A Number“ verfasst und das Stück als eines der sprachmächtigsten der englischsprachigen Gegenwartsliteratur bezeichnet hatte.
Der Übersetzer: Falk Richter
Den englischen Originaltext übersetzte im Auftrag des Rowohlt Theaterverlags der postdramatische Autor und Regisseur Falk Richter, der ihn 2003 auch als Schweizer Erstaufführung in Zürich inszenierte. „A Number“ – eine Nummer, ein Mensch ohne Gesicht: eine Frage, die angesichts zunehmend gleichgeschalteter, leicht manipulierbarer junger Menschen kaum an Aktualität verloren hat.
Richter, ein Regisseur mit ausgeprägtem sozialem und politischem Bewusstsein, inszenierte Elfriede Jelineks Text über Donald Trump am Thalia Theater Hamburg und gehörte zum Regieteam des postmigrantischen Maxim Gorki Theaters unter Shermin Langhoff. 2021 brachte er „In My Room“ heraus, ein Stück über Männlichkeitskonzepte zwischen Vätern und Söhnen. Im Entstehungsjahr von „Die Kopien“ (2002) schrieb er zudem „Electronic City“ über ein Liebespaar in einer entfremdeten digitalen Welt – an den „Nicht-Orten“ des globalen Kapitalismus, wie sie der französische Anthropologe Marc Augé beschrieben hat: austauschbare Hotelketten, Flughäfen und Einkaufszentren, die gerade wegen ihrer Anonymität zum neuen Sehnsuchtsort jüngerer Generationen geworden sind.
Der Inhalt
In fünf kurzen Szenen begegnen wir Salter, der in seiner Wohnung Besuch von drei Söhnen erhält, die einander zum Verwechseln ähnlich und doch grundverschieden sind. Der biologische Sohn Bernhard (B1), Mitte 30, sozial abgehängt und verwahrlost, glaubt, seine Mutter habe sich das Leben genommen, als er zwei Jahre alt war. Sein Vater hingegen behauptet in Gegenwart von B2, sie sei bei einem Unfall verstorben. Oder hat sie Salter womöglich verlassen?
Die beiden anderen Bernhards (B2 und B3) sind demnach geklonte Varianten mit identischer DNA; B2 ist gebildet und hält sich für das Original, B3 der glückliche, naive Familienvater. Insgeheim hat das Krankenhauslabor ohne Salters Wissen noch 20 weitere Klone erzeugt.
Als B1 unangemeldet bei Salter auftaucht, erfahren wir, dass er seinem Klon B2 droht, dessen etwaiges Kind zu töten. Salter versucht zu beschwichtigen und schlägt vor, aus der illegalen Klonierung nachträglich Geld herauszuschlagen. B2 will daraufhin fliehen, aus Angst vor seinem biologischen Bruder. Es stellt sich heraus, dass Salter seinen leiblichen Sohn einst weggab, weil er als alleinerziehender, drogen- und alkoholabhängiger Vater mit der Situation überfordert war.
Die Frage, ob man sich durch den Verkauf des eigenen Erbguts eine zweite Chance erkaufen kann, erinnert an Max Frischs „Biographie: Ein Spiel“ (1968), in dem ein Verhaltensforscher vergeblich versucht, sein Leben noch einmal von vorn zu beginnen. Auch bei Frisch bleibt offen, ob das Scheitern schicksalhaft oder persönlich verschuldet ist – und auch dort finden sich ein unverstandener Vater und ungelöste Vater-Sohn-Konflikte.
Ist der Mensch also mehr durch sein Erbgut oder durch seine Sozialisation geprägt? Diese Grundfrage treibt Churchills raffinierte, Hitchcock-artig unaufgelöste Dramaturgie voran und stellt existenzielle Fragen nach dem Wert unserer Individualität:
„A Number deals with both the essentials and the extremities of human experience. These questions are unanswerable, but indeed, they must be asked.“
Bei aller analytischer Finesse besitzt Churchills Drama auch großes emotionales Potenzial. Auch Kinder aus stabilen Verhältnissen können durch überforderte Jugendämter oder gewinnorientierte, privat betriebene Kinderwohngruppen schweren Schaden nehmen – ein Thema, das auch abseits der Bühne an Dringlichkeit gewinnt. Ähnlich ambivalent ist die heute verbreitete pränatale Diagnostik von Geschlecht und Erbkrankheiten: Auch wenn Wunschkinder bald genetisch mitgestaltet werden können, bleibt ihre Entwicklung von familiärem Umfeld und Sozialisation abhängig. Angesichts des wachsenden Einflusses digitaler Medien auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen wird die Stärkung ihrer Resilienz zu einer der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben der Zukunft – ein Social-Media-Verbot unter 14 Jahren wäre dafür ein erster, bescheidener Schritt.
Künstliche Intelligenz oder die digitale Büchse der Pandora
Caryl Churchill interessiert sich in ihrem Oeuvre häufig für die Einarbeitung wissenschaftlicher Diskurse und bezieht sich in „Die Kopien“ explizit auf Georg Büchners Vorlage „Woyzeck“, in der ein illegales Experiment am Protagonisten dessen ungleichen sozialen Status schmerzlich offenbart.
Literaturhistorisch gesehen markiert dies den Beginn des „sozialen Dramas“ – ein Genre, das Churchill immer wieder gern verwendet.
„Die Kopien“ („A Number“, 2002) liest sich zunächst wie ein Thriller über Existenzfragen, Originalität, Macht- und Selbsterkenntnis sowie über die Individualität und Einzigartigkeit der Spezies Mensch im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit. Ein Theatertext, der 24 Jahre nach seiner Veröffentlichung durch die neue Technologie der „Künstlichen Intelligenz“ – auch „automatische Intelligenz“ genannt – einen beängstigenden Aktualitätsschub erhält und der daher auch auf dieser Ebene mitgedacht werden sollte.
Im diesjährigen japanischen Wettbewerbsbeitrag von Cannes, „Sheep in the Box“ des Regisseurs Hirokazu Kore-eda, angelehnt an den „Kleinen Prinzen“, bietet eine Firma trauernden Eltern nach dem Unfalltod ihres Kindes eine KI-getreue Nachbauversion an. Wie gespenstisch! Ein eigens dafür aufgestellter Roboter vor dem Palais an der Croisette verdeutlichte die Dringlichkeit des Themas für alle Kreativen, nicht nur für jene der Filmbranche. Eine Initiative von Drehbuchautorinnen und Autorenfilmemachern hat daraufhin einen Codex für „nicht KI-generierte Rollenbücher“ verabschiedet. Doch wann werden uns solche Texte angeboten und von Robotern auf Theaterbühnen präsentiert? Vielleicht brauchen wir sie, wenn die öffentlichen Fördermittel weiter so schrumpfen. Die Stoffe sind jedenfalls bereits Bestandteil der Gegenwartsliteratur und auf diversen Spielplänen zu finden. Gegen das „KI-Siegfried-Sparbühnenbild“ in Bayreuth können aber selbst geniale Wagnersänger kaum noch etwas ausrichten.
Die Entwickler der KI werden jedenfalls Verantwortung für den sogenannten „digitalen Kolonialismus“ tragen müssen: Globale Konzerne greifen in der Landwirtschaftsproduktion die Daten vor allem afrikanischer Länder ab und können so neue Patente und Produkte leichter vermarkten – im Grunde ein Fall moderner Sklaverei, da der globale Süden diese Ergebnisse anschließend teuer zurückkaufen muss.
Damit wird sie zur Schlüsseltechnologie schlechthin, die in Wissenschaft, Medizin, Verwaltung und vielen weiteren Branchen zugegebenermaßen revolutionäre Paradigmenwechsel auslösen kann. Dem WWW hatte man einst ein großes Demokratisierungspotenzial angedichtet, das sich nicht eingelöst hat. Wie wird es bei der KI werden? Gibt es überhaupt europäische Anbieter mit wirklichen Marktchancen? Die KI beschleunigt jedenfalls die Deregulierung in wachsenden Autokratien wie den USA und könnte so zu einer antidemokratischen Ideologie an sich werden – bis hin zu einer „transhumanen Eugenik 4.0“ darwinistischer Prägung, mit der „Space X“ dereinst die absolute IQ-Elite auf den Mars evakuieren könnte, sollte die Erde als Lebensort der Menschheit irgendwann ausfallen.
Der Meta-Konzern baut für seinen gewaltigen „KI-Hunger“ inzwischen das 33. Rechenzentrum – in stetig apokalyptischeren Dimensionen. Der Konzern verschlingt gigantische Mengen an Strom, größtenteils nicht aus erneuerbaren Quellen, und raubt dem Boden das lebenswichtige Grundwasser, das durch den Klimawandel ohnehin immer knapper wird. Das hat immense ökologische Folgen – aktuell auch in Österreich – und stößt weltweit zunehmend auf den nötigen zivilen Widerstand.
Die deutsche Philosophin Eva von Redecker bezeichnet – ähnlich wie Robert Misik in seiner jüngsten Publikation „Erziehung zur Grausamkeit“ – in ihrem lesenswerten Essay „Der Drang nach Härte“ (2026) die Kombination aus Kapitalismus und neuen Technologien nicht zu Unrecht als „neuen Faschismus“ oder kurz „Tech-Faschismus“: eine Verbindung aus digitalem Monopolismus und der MAGA-Bewegung der Evangelikalen in den USA, die sich ihre Nation zurückholen wollen – so deren propagandistischer „Roll-Back-Gedanke“. Visionäre Warnungen davor gab es freilich schon seit den späten 1960er-Jahren, etwa von der Frankfurter Schule (Walter Benjamins Essay zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“), von Andy Warhols serieller Kunst oder vom kanadischen Philosophen Marshall McLuhan („Das Medium ist die Botschaft“).
Doch wie soll man die Zahnpasta wieder in die Tube bringen, wenn die Mehrheit weiterhin bei Amazon und Temu konsumiert – nachdem amerikanische und britische Erzkonservative in den 1980er-Jahren die Deregulierung ermöglichten, durch die Tech-Giganten erst so wachsen konnten, dass sie heute den Weltmarkt derart zynisch kontrollieren?
Unserer Nachfolgegeneration wird die Kommunikation mit gesteuerten Maschinen regelrecht auf dem Tablet – im Wortsinn auf dem Tablett – serviert, und deren Bequemlichkeit wird schamlos und unreflektiert ausgenutzt.
Digitale Kryptowährungen ermöglichen weltweit einen kaum kontrollierbaren Zahlungsverkehr: Putin umgeht so das EU-Embargo, kann benötigte Materialien für seine Drohnen-Kriegsführung gegen die Ukraine ungeniert am Weltmarkt einkaufen, sie illegal und ungehindert über die georgische Grenze transportieren lassen – und am Ende ukrainische Gemüsehändler mit einer Drohne angreifen.
Wie bei jeder neuen Technologie wird es Gewinner und Verlierer geben – je nachdem, wie etwa Robotik sinnvoll eingesetzt werden kann, jenseits der politisch-ökonomischen Frage nach technischer Überlegenheit und dem damit verbundenen Anspruch auf die Führungsrolle in der Welt.
Macht KI die Welt also nur noch ungleicher, da wir fast völlig von amerikanischer Technologie abhängig sind? Wer füttert sie wie, wann und warum? Wenn sie unser kritisches Denk- und Reflexionsvermögen untergräbt, überlassen wir das Sagen einer autoritären, völlig abgehobenen Tech-Elite und deren Günstlingen und Nutznießern.
Wenn aber eine KI wie „OpenAI“ ausbüchst – und sei es „nur“ in einem Testlauf – und Cyberangriffe durchführen kann, uns also Werkzeuge zum erfolgreichen Hacken liefert, dann gerät etwas außer Kontrolle, was bislang nur in Science-Fiction-Serien denkbar schien. Dass KI auffälligerweise russlandfreundliche Fake-News generiert und die entsprechenden Seiten damit Werbeeinnahmen akquirieren, ist ein umso traurigerer Fakt.
Was mit dem Klonen von Schaf Dolly einst noch fast harmlos, aber ebenso mediensensationell begann, spiegelt umso deutlicher unsere dystopische Welt des Tech-Kapitalismus wider – etwa wenn es, wie jüngst, in einem Labor gelang, aus den Chromosomen zweier männlicher Mäuse Nachkommen ohne weibliche Beteiligung zu züchten.
Das Kopieren – im erweiterten Sinn also die Nachahmung per se – ist ein existenzieller Vorgang menschlichen Werdens, etwa beim Spracherwerb. Das (post-)pubertäre Experimentieren und das Herausfinden der eigenen, unteilbaren Persönlichkeit ist ein wichtiger Schritt zur Menschwerdung.
Die „sozialen Medien“ – wohl eher die „a-sozialen Medien“ – stellen mit ihren merkantilen Algorithmen eine unstillbare, narzisstische Quelle pausenloser Nachahmung bereit und spalten das In:dividuum in immer mehr werdende private und öffentliche Pixel. Identität, quo vadis? Das übersteigt mittlerweile um ein Vielfaches Sigmund Freuds Theorie eines multiplen Persönlichkeitskonzepts. Oder bekommen wir doch noch ein genetisch-ethisches Copyright gleich nach unserer Geburt verabreicht?
Für den Inhalt verantwortlich im Sinne des Presserechts: Michael Kolnberger, Künstlerischer Leiter von theater.direkt