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Gunkl

Verluste - eine Geschichte.

ARGE kabarett

… gut, wir waren damals natürlich alle jünger, und jeder von uns hat viel mehr geglaubt als gewusst. Das ist in einem gewissen Alter ja auch ganz wunderbar; da hat man grad einmal zwei Sachen erlebt, und vier Sachen gelesen, und sollte jetzt ja auch schon erwachsen sein, und dann bastelt man sich aus dem bissl Leben, das man da hinter sich gebracht hat, ein Weltbild, und über diesen Kamm wird dann alles geschoren. Irgendwann, ziemlich viel später, denkt man die Welt dann auch wieder in einfachen Mustern; dann, wenn man glaubt, man hat schon alles gesehen, und man eigentlich weiß, dass man davon aber nicht wirklich viel verstanden hat, dann fängt man auf einmal wieder an, die Welt auf das zu reduzieren, was man von ihr verstanden hat. Das sind in der Stunde der Wahrheit meistens nicht viel mehr als vielleicht ein paar schleißig ausformulierte Glaubenssätze, und alles, was sich damit nicht erklären lässt, lässt man einfach aus. Aber das ist erst wie gesagt viel später, wir waren damals ja noch am anderen Ende von dem Zeitfenster, in dem man ernsthaft versucht, etwas über die Welt zu erfahren. Wir haben praktisch noch nix erlebt, aber das bissl, was wir erlebt haben, haben wir uns zu einem kompletten Leben aufgeblasen, und damit sind wir dann tapfer in die Welt. Und man glaubt wirklich, man hat recht. Das ist eigentlich sehr schön; man glaubt, man hat's im Griff – weil man es nicht tragen muss, glaubt man, man hat's im Griff.

Pressestimmen:

Aus „Ö1 – Contra“ (31.8.2008, Silvia Lahner)

Wann die Stunde der Wahrheit schlägt und man zu dem Schluss kommen muss, praktisch noch nix erlebt zu haben, erläutert Gunkl in seinem neuen Programm.

Gunkl und seine „Verluste“
Einfach nur Gefühle
Gunkl scheitert sauber, zum Beispiel beim Sex

„Verluste – eine Geschichte“ lautet der Titel von Gunkls neuem Solo, der in diesem Fall auch Programm ist. Denn Gunkl verzichtete diesmal gänzlich auf Metaebenen, Parallel-Universen und rechtwinkeliges Abbiegen aus der Zeit und erzählt einfach eine Geschichte. Eine Geschichte mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Schluss.

Liebesgeschichten und Verluste
„'Verluste – eine Geschichte' ist eigentlich kein Kabarettprogramm, wie man's kennt“, meint Gunkl. „Es ist vielmehr eine Liebesgeschichte. Jetzt bin ich als Rezipient grundsätzlich nicht so empfänglich für Liebesgeschichten. Das Faktum, dass es so was gibt, ist ja prinzipiell in Ordnung, die Detaildarreichung, wie es dann in Wirklichkeit auf mich zu kommt, da denke ich mir oft – na Oider, kumm … Ich habe wahrscheinlich eine Liebesgeschichte geschrieben, die mich auch interessieren würde. Und es geht da um Freundschaft und darum, dass ab einem gewissen Alter nicht mehr allein das wichtig ist, was man ist, hat und kann, sondern zu einem guten Teil auch das, was man nicht mehr ist, nicht mehr hat und nicht mehr kann.“

So viel zum Zustand des Verliebt-Seins aus der Sicht des Kabarettisten. Doch in seiner erdachten Liebesgeschichte ist es nicht er, der sich verliebt, sondern sein Freund Michael. Diese Vorinformation wird sozusagen als Blick in die nähere Zukunft gereicht. Und dass dieser Michael kein einfacher Zeitgenosse sein dürfte, diesen Verdacht schürt Gunkl schon ganz zu Beginn seiner Geschichte.

„Ich mag keine Geschichten, die nur deswegen weiter gehen, weil sich der Protagonist wie ein Vollplermpel verhält.“

Ein Weltbild aus vier Büchern
Für die Rahmenhandlung seiner Geschichte muss Gunkl ein Stück weit in der Vergangenheit graben, denn was er erzählen möchte, soll eine Tür zu jenem brüchigen Lebensabschnitt öffnen, der unmittelbar nach Beendigung der Schulzeit und noch vor dem entschlossenen Aufbruch in eine neue Existenz liegt. Wir sprechen von damals, von der Zeit, als man gerade einmal 18, 20 Jahre alt war und das Weltbild aus zwei gemachten Erfahrungen und vier gelesenen Büchern zu zimmern versuchte. Doch es sind nicht, wie man anfangs annehmen könnte, Michael und Silvia samt ihrer Beziehung, die man den Abend über begleiten darf – das wäre Gunkl zu naheliegend und jenseits der Ebene, auf der er sich mit den Themen Liebe und Verlust bewegen wollte.

„Liebe als Phänomen und Humor – da geht natürlich viel“, so Gunkl. „Erwartung, Anspruch und Wirklichkeit, dabei entsteht eine Kollision, die viel Humor in sich birgt und Programme, die sich eingehend mit Beziehungsproblemen befassen, sind ja Legion. Ich versuche, wann immer ich etwas auf die Bühne bringe, dieses auch ernst zu nehmen. Ich möchte nicht etwas auf die Bühne bringen und dann anwischerln. Das ist blöd. Da ist es schon etwas komplizierter, wenn man die Liebe ernst nehmen will und dabei auch lustig sein möchte. Die Geschichte heißt 'Verluste', aber wenn man etwas verliert, dann macht das auch Platz für Neues.“

Tapfer, mutig oder blöd
Gunkl hat sich für sein Stück ausgedacht, selbst an einem Verlust zu leiden und mit niemandem ernsthaft darüber sprechen zu können. Seine Freunde, das Geschwisterpaar Franz und Gabi, übersiedeln nach Graz und Gunkl bleibt mit dem schalen Gefühl zurück, jemanden für immer verloren zu haben.

Auf der Suche des Erzählers nach einem geeigneten Gesprächspartner, mit dem der erste wesentliche Verlust zweier Freunde aufgearbeitet werden könnte, kommt Michael ins Spiel, jener Michael, der nicht wahnsinnig gesprächig, nicht wahnsinnig sozial kompatibel und immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Erlebnissen ist. Reitstunden zum Beispiel, eine Erfahrung, die er gerne mit seinem Freund, also Gunkl, teilen möchte. Doch dieser wäre, wenn schon Ungewöhnliches passieren muss, dann eher für Golf.
Zu den ungewöhnlichen Erlebnissen in dem Spannungsfeld zwischen Tapferkeit, Mut und Blödheit soll sich schließlich eine Erfahrung gesellen, die mit einer eindeutigen Niederlage endet, einer Niederlage, die mutwillig, aber nicht geistlos herbeigeführt werden soll. Sex böte sich für beide Protagonisten an – aus Rücksicht auf die Frauen wird von diesem Projekt der angepeilten Niederlage dann doch Abstand genommen.

Nicht schön, aber lustig
In seinem neunten Programm hat sich Gunkl Themen angenähert, die bislang sein Radar der analytischen Dekonstruktion unzureichend hinterfragter Weltbilder nicht passieren durften. Er spricht über Liebe, Freundschaft und Schmerz, über Gefühle, über kleine zwischenmenschliche Episoden, die eine Biografie in ungeahnte Turbulenzen stürzen können. Die Geschichte, die Gunkl zu erzählen hat, ist lebensklug und umsichtig, konsequent durchdacht und von einer schlichten, aber fesselnden Dramaturgie. Wie Michael und Silvia am Ende zusammenfinden, ist so kurios wie das Leben selbst – vielleicht nicht unbedingt schön, aber lustig.

„Dylan Moran, ein irischer Komiker, macht eine Fernsehserie, die heißt 'Blackbox'. Böser Mensch, sehr lustig. Und er hat gesagt, der Partner sagt gerne einmal 'I need more space', also er braucht mehr Platz. Es wird aber nie genau quantifiziert, wie viel Platz das ist, von dem da gesprochen wird. In der Stunde der Wahrheit ist der Platz immer genau die Breite, Höhe und Tiefe, die du einnimmst. Der Raum, den der andere mehr braucht, ist das Volumen, das Du ausfüllst.“

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