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"Consume Your Fear"

Installation von Psychological Prosthetics (Dee Hibbert-Jones & Nomi Talisman / US) im Foyer der ARGEkultur, Ausstellungsdauer: 12.-22.11.09

ARGE installation Festival "Angst Macht dumm!"

„No passion so effectually robs the mind of all its powers of acting and reasoning as fear. For fear being an apprehension of pain or death, it operates in a manner that resembles actual pain.“ (Edmund Burke, A Philosophical Inquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful, 1757)

Angst ist einer der Grundinstinkte, die wir zum Überleben und zur Sicherung unserer Existenz brauchen. Doch kann Angst sich auch manipulierend, nötigend, anderen gegenüber aggressiv, kritisch, misstrauisch, unsicher und vor allem sehr, sehr sehr ängstlich äußern.

Das neueste PP Produkt, „Consume Your Fear“ („Konsumiere deine Angst“), lädt uns dazu ein, die größte unserer Ängste zu benennen und greifbar zu machen, zu verinnerlichen und schlussendlich unsere Emotionen zu bändigen. Zur Auswahl gibt es voreingestellte und anpassbare Ängste. Die Produkte sind einfach und roh – so ist „PP Aid“ lediglich eine neuverpackte Klebebandage, während „Consume Your Fears“ nicht mehr als ein leerer Pappbecher ist – doch sie eignen sich als Behälter für unsere unangenehmen Gefühle. Die Effektivität ergibt sich nicht aus ihrer Funktionsfähigkeit, denn was sie verkaufen passiert intern, nicht extern.

„Angst Macht dumm!“
12.-22.11.09

Festivalprogramm

„Consume Your Fear“, eine interaktive Installation und Dokumentation der Psychological Prosthetics, analysiert die Dualität der Angst und erforscht die Manipulation von Ängstlichkeit und Furcht innerhalb der unternehmerischen und politischen Kultur. Die Expertinnenrolle einnehmend (Expertinnen, die Services anbieten, Gebrauchsgegenstände verkaufen, Wissen und Macht vorgeben) bietet „Consume Your Fear“ eine Selbsthilfeproduktlinie und Services an, um den Grad der Unsicherheit zu messen, Ängstlichkeit zu überwinden und diese wortwörtlich zu konsumieren. Die Arbeit bedient sich der Sprache und Bilder der Werbung, politischer Kampagnen und des unternehmerischen Marketings.
Symbolische Substitute, Objekte und Services werden zum Zweck der Angstlinderung in einer unsicheren Welt angeboten. Diese regen die TeilnehmerInnen an, sich in Diskussionen verwickeln zu lassen und ermutigen zu Kritik und Kommentare bezüglich ihrer Wahrnehmung von Konformität, Zwang und Widerstand.

Statistisch gesehen ist die heutige Zeit sicherer als alle vorhergehenden (Frank Furedi, Culture of Fear Revisited, 2006). Aber wie kann Angst erfasst werden? Und wie sollen wir mit ihr umgehen? Wie kann Angst unter Kontrolle gehalten werden, wie kann sie überwunden werden? Der symbolische Akt des Überwindens und Artikulierens der Ängste spricht eine besänftigende Sprache, die wiederum auch zur Beeinflussung genutzt werden kann. Ist Angst zu einem Teil einer codierten Performance der Sicherheit geworden, die eher öfter als selten die Angst selbst in den Mittelpunkt stellt?
Sind wir schon verängstigt? Stellen wir uns das worst-case scenario einmal vor.
Angst zu überwinden ist niemals einfach, doch immer komplex – denken Sie nur an das erste Mal, als Sie ohne Licht eingeschlafen sind. Das ist ein tapferer und sehr persönlicher Akt. Die Überwindung kann allerdings auch ein öffentlicher Akt sein, indem das Publikum zu ZeugInnen und TeilnehmerInnen wird. TeilnehmerInnen gewinnen an Respekt. Initiationsriten, Selbsthilferatgeber, Werbeprodukte, die ihre Ängste umwandelt, der Anstoß, der sie durch eine Erfahrung begleitet. Denken Sie nur an den TV-Evangelismus, der sich kühler Technologie bedient, um durch Medien zu beeinflussen, das Ritual, die Ehrfurcht, die Katharsis.

Die Künstlerinnen Dee Hibbert-Jones und Nomi Talisman begannen im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen des elften Septembers 2001, die Rolle der Angst im öffentlichen Leben zu untersuchen. Hibbert-Jones wuchs in England auf, während der Ära der „troubles“, als die Terrorkampagne der Irish Republican Army gegen die Zivilbevölkerung in vollem Gange war. Talisman kommt aus Israel, ein Land, in dem fest verwurzelte, konfessionsgebundene Konflikte enorme Auswirkungen auf den Alltag der israelischen Bevölkerung haben. Ihr, durch ständige Bedrohung gekennzeichnetes Aufwachsen, inspirierte die Künstlerinnen, die gesunden wie die ungesunden Manifestationen von Angst in Form eines Kunstprojektes zu thematisieren. Durch Beobachtung der Taktiken von Regierungen und anderen Agenten der Macht, die öffentlichen Reaktionen auf Angst zu unterdrücken, konnten sie sich diese Strategien mit einem einfühlsameren Zugang aneignen.

Durch die Bereitstellung von Metaphern, um Personen bei der Artikulation und Gliederung schwieriger Emotionen zu helfen, stellt Psychological Prostethics sich den individuellen und persönlichen Aspekten des Lebens in der öffentlichen Sphäre. Das Projekt ermutigt TeilnehmerInnen, ihre geheimen Seiten zu zeigen, die sie Fremden unter normalen Umständen nicht ohne weiteres zeigen würden. Da wir zu KonsumentInnen konditioniert sind und uns wohl fühlen, wenn uns etwas verkauft wird, bedienen die Künstlerinnen sich der Marketingmasche, die am effektivsten bei der Überwindung sozialer Hemmschwellen der TeilnehmerInnen wirkt.

Psychological Prostethics ahmt kapitalistische Unternehmen nach und benutzt die Methodik der Werbung und Produktentwicklung, um eine dezidiert anti-kommerzielle Botschaft zu vermitteln. Taktische Medien – die Aneignung massenmedialer Konventionen, um sie neubesetzt zur Vermittlung politisch subversiver Botschaften zu verwenden – sind eine Strategie, die eng an die Entwicklung von Performances und medien-basierter interaktiver Kunst der letzten 20 Jahre anknüpft. Die visuellen Strategien von Firmenprospekten sind in der ästhetischen Herangehensweise der Psychological Prostethics evident, wobei Slogans wie „consumption is cure“ und „helping you handle your emotional baggage in political times“ dem beruhigenden Werbejargon mit dessen hohlen Platitüden entspricht. Wie Hibbert-Jones betont, sind alle Zeiten politische Zeiten. Das Duchamp'sche readymade erweiternd, benützen die Künstlerinnen Sprache und Bilder aus den Medien und rekontextualisieren diese als Kunst.

Dee Hibbert-Jones

Dee Hibbert-Jones arbeitet in Galerien und auf öffentlichen Plätzen, wo sie Installationen, öffentliche Arbeiten, Skulpturen, Performances etc. präsentiert. Sie wurde in England geboren und absolvierte ihr Master-Studium of „Fine Art“ am Mills College in Oakland, Kalifornien, den Master of Arts an der York University, England und ihren Bachelor of Arts an der London University.
Ihre Ausstellungen waren bereits in Europa, Japan, Israel und den USA zu sehen. Dee Hibbert-Jones arbeitet als Assistant Professor of Art an der University of California (Santa Cruz) und lebt in San Francisco.

Nomi Talisman

Nomi Talisman arbeitet hauptsächlich in den Bereichen Fotografie, Video und digitale Medien. Dabei stellt sie immer die Verbindung zwischen öffentlichen und privaten Raum her. Sie beschäftigt sich überdies sehr viel mit Massenmedien, deren Verwendung von Bildern und die Integration dieser im Alltag.
Nomi Talisman wurde in Israel geboren und absolvierte ihr Master-Studiom of „Fine Art“ ebenfalls am Mills College in Oakland, Kalifornien. Auch ihre Ausstellungen waren bereits in Europa, Japan, Israel und den USA zu sehen und sie wohnt in San Francisco.