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OPEN MIND Festival 2020

WEM GEHÖRT DIE WELT?

Wie gelingt es gegen multiple Unterdrückungsstrukturen von Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat anzugehen? Diese Frage stellte sich die Bewegung selbstbewusster Frauen Indonesiens vor 70 Jahren. Viele Mitglieder bezahlten Mitte der 60er Jahre mit ihrem Leben dafür. Stefanie Wuschitz gibt Einblick in ihr künstlerisches Forschungsprojekt zur einst größten Frauenbewegung der Welt.

Aktivismus und Feminismen im Kalten Krieg

von Stefanie Wuschitz

Meine Tochter sieht mir nicht ähnlich, sie könnte Mexikanerin sein oder auch von den Philippinen. Am Spielplatz denken manche, ich hätte sie adoptiert. Mein Kind ist allerdings aus Österreich, ihr Vater ist Indonesier. Meine große Liebe zu ihm, meiner Tochter und meinem Sohn macht mich neugierig. Warum weiß ich so wenig über Indonesien? Obwohl auf so vielen Produkten, die wir in Österreich konsumieren – vom elektronischen Gerät bis zur stylischen neuen Bobo-Wäsche –, „MADE IN INDONESIA“ steht? Das billige indonesische Palmöl wird auf Packungen nur erwähnt, wenn es ausnahmsweise nicht in einem Produkt enthalten ist. Bringt dieser Import Indonesier*innen dann auch Infrastruktur und Krankenhäuser nach neuestem Standard? Leider nein. Denn die internationalen Firmen, die Rohöl, Kupfer, Gold, Reis, Kaffee, Palmöl exportieren, zahlen lächerlich geringe Steuern.

Dabei hat es eine indonesische Grassroots-Bewegung gegeben, die sich genau dagegen gerichtet hat: Im Jahr 1950 wurde sie unter dem Namen Gerwis - Gerakan Wanita Indonesia Sedar gegründet. Gerwis steht für die Bewegung selbstbewusster Frauen Indonesiens und zählte nach zehn Jahren schon mehr als eine Million Mitglieder. Gerwis vertrat die Auffassung, dass sich Frauen nicht von ihrer Unterdrückung befreien können, solange die Wurzel ihres Problems noch nicht gelöst ist: die feudale Kultur, koloniale Struktur und das kapitalistische Wirtschaftssystem.

Ihre Mitglieder forderten Zugang zu gewaltfreier Erziehung, Bildung, gerechtere Preise und Löhne, Mitbestimmung, politische Positionen, eine Landreform für Bauern und Bäuerinnen, das Ende der Polygamie, ein feministisches Eherecht, und setzten sich auf ausdrücklich demokratische Weise dafür ein, dass die Ressourcen des Insel-Archipels nicht hintenherum dem Profit der Firmen der ehemaligen Kolonialmächte dienen, sondern vielmehr von nationalisierten Firmen verwaltet werden.

Wie würde Indonesien heute dastehen, wären ihre Forderungen beherzigt worden? Zunächst sympathisierte die indonesische Regierung mit den Zielen von Gerwis. Die Initiatorinnen tausender nachbarschaftsbasierter Gruppen galten als Mitstreiterinnen im großen Projekt, einen gemeinsamen Nationalstaat zu bilden. Und tatsächlich war Gerwis im Gegenzug loyal mit Präsident Sukarno, denn wie er hatten die meisten Gerwis-Gründungsmitglieder im Unabhängigkeitskampf eine wichtige Rolle gespielt, wollten den unabhängigen Staat Indonesien nun gemeinsam gestalten (vgl. Wieringa 2002).

Mein Schwiegervater mochte Sukarno, den ersten Präsidenten. Als Mathematik-Student kaufte er sich zwar Elvis-Presley-Platten und konvertierte vom Islam zum Christentum. Doch politisch begeisterte ihn nach wie vor die sozialistische Ausrichtung Sukarnos. Die Mehrzahl der Indonesier*innen wollte dem neu aufkeimenden Imperialismus im Kleid des globalen Kapitalismus keine Chance geben. Ich habe mit meinem Schwiegervater nie darüber gesprochen, aber auf seiner Universität muss er Studierende gekannt haben, die Gerwis angehörten. Die Mitglieder, also aus- schließlich Frauen über achtzehn Jahren, kamen zum Großteil aus der ersten Generation von Frauen, die endlich auf Universitäten studieren konnten. Diese Studienanfängerinnen hatte sich in den darauf folgenden Jahren in unzähligen kleinen, unauffälligen Nacht-und-Nebel-Treffen mit den hart arbeitenden Bäuerinnen und Bauern, Plantagen- und Fabrikarbeiter*innen solidarisiert. Besonders die gemeinsame Wut auf die polygame Ehe schweißte diese unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammen. Und deshalb waren sich Millionen von Sympathisant*innen dieser Bewegung bald einig: Stopp dem Imperialismus, stopp der maßlosen Ausbeutung des Landes durch Neo-Kolonialismus! Es braucht Schutz für unsere Kinder, eine Landreform, ein neues Eherecht zur Verhinderung von Hunger und Gewalt in Familien (vgl. Wieringa et al. 2019 und Sulami 1999).

Durch die enorme Größe von Gerwis verwuchs sie mehr und mehr mit einer viel breiteren linken Bewegung, die ein Drittel der Indonesier*innen mittrug. Diese sozialdemokratische, linkspolitische Haltung teilte weiterhin auch der damalige Präsident Sukarno, der dem Westen immer unliebsamer wurde. Gerwis, als damals größte Frauenbewegung der Welt, rückte näher an die Kommunistische Partei Indonesiens, wurde nicht Teil davon, aber enge Kooperationspartnerin. Gerwis wurde unbenannt in Gerwani (Gerakan Wanita Indonesia oder Indonesische Frauenbewegung). Diese nun bedeutend größere Organisation pflegte stärkeren Austausch mit der kommunistischen Partei, deren cis-männliche Anführer allerdings die Kritik an Polygamie nicht teilen wollten. Diese kommunistischen Anführer wollten Feminismus zu Gunsten einer effektiveren Breitenwirkung neu ausverhandeln oder gar hintanstellen (vgl. Wieringa 2002). Gerwani-Mitgliedern wurde also mit solchen Freunden nicht langweilig.

Fragen Sie heute Indonesier*innen in Indonesien über Gerwani, werden Sie auf Schweigen stoßen. Gerwani hatte mit ihrer demokratischen, dezentralen, emanzipatorischen und feministischen Arbeit nicht nur Unbehagen bei den kommunistischen Parteivorsitzenden, sondern leider auch bei den ganz Mächtigen dieser Welt ausgelöst. Immerhin herrschte der Kalte Krieg. Der australische Botschafter warnte vor dem hohen Profitverlust, der Australien, England und den USA bevorstünde, wenn Indonesien noch weiter in Richtung Sozialdemokratie vorpreschen würde und dazu noch ökonomisch so gut dastünde. Zu guter Letzt hatten sich Gerwani-Repräsentantinnen auch noch mit kühnen Gewerkschafter*innen und linken Bewegungen in anderen Ländern der Welt vernetzt, waren bei einer Frauenkonferenz in Wien eingeladen, bereisten Russland und Südamerika. Sie hatten viel gelernt und Strategien ausgearbeitet: Keine Schulden aus der Kolonialzeit zurückzahlen! Keinen Verkauf indonesischer Rohstoffe durch ex-koloniale, neo-imperialistische Firmen zulassen!

Während die Gerwani-Aktivistinnen diese weitsichtigen Richtlinien in Kleingruppen diskutierten und weiter ausarbeiteten, braute sich ein breites Bündnis gegen sie zusammen, das nichts weniger als ihre totale Auslöschung plante. Während Gerwani-Mitglieder in vielen kleinen Dörfern auf Java horizontale Grassroots-Arbeit leisteten, um Menschen am Rande der Gesellschaft schnell und unbürokratisch zu helfen – beispielsweise durch die Verfügungstellung von Agrarwerkzeugen, Essen, Kinderbetreuung, Beratung und Informationen, um besser über die Runden zu kommen –, wurden von Geheimdienst-Sympathisant*innen Namenslisten angelegt.

Viele Kulturschaffende innerhalb von Gerwani initiierten Gruppen für Marionetten-, (Impro-)Theater, Tanz, Literatur und andere kulturelle Formate, in denen vielschichtige Inhalte artikuliert werden konnten. Hätte meine Tochter zu dieser Zeit schon gelebt, sie hätte sich bestimmt gerne einer der vielen javanischen Tanzgruppen angeschlossen. Das Tanzen war zu der Zeit tatsächlich eine kulturelle Form der Wissensvermittlung mit nuancierten Bedeutungen und Erzählungen von Femininitäten, Gender, Klassenkampf, Spiritualität, Körpergefühl und Mut. Kaum jemand lehrt heute noch diese Art von Tanz in Indonesien (vgl. Larasati 2013). Die Mutter eines Bekannten von mir war zu der Zeit schon auf der Welt und als Schülerin Teil einer Tanzgruppe. Am Abend kurz vor einem Tanzauftritt, für den sie lange trainiert hatte, entdeckte ihr Vater den Ankündigungs-Flyer. Er verbot ihr, die schon geschminkt und verkleidet war, aus dem Haus zu gehen. Die Schülerin war aufgebracht, wütend und verstand nicht, warum ihr Vater so beharrlich blieb, doch sie gehorchte ihm. Am nächsten Tag waren alle ihre Freundinnen, die an der Tanz- Performance teilgenommen hatten, nicht in der Schule, sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Sie begriff, dass ihr Vater, ein hoher Militärbeamter, mit dem Verschwinden zu tun gehabt und nur seine eigene Tochter vor der Deportation gerettet hatte. Ihrem Sohn hatte sie diese Geschichte zum ersten Mal erzählt, während sie sie uns erzählte. Doch nicht nur die Schülerinnen aus den Tanzgruppen blieben verschwunden. Überall verschwanden Menschen. Alle, die nur im Entferntesten mit Gerwani zu tun gehabt hatten, auch ihre Verwandten und Freund*innen, waren plötzlich in größter Gefahr.

Eine andere Dame, die wir interviewt haben, hatte damals weniger einflussreiche Verwandte. Weil Gerwani-Mitglieder davon überzeugt waren, dass die Situation indonesischer Kinder unbedingt verbessert werden müsse, hatten sie dezentral organisierte Kindergärten und Kindergruppen gegründet. Die Dame war damals in einer davon Kindergärtnerin gewesen. Die Dame erzählte meiner Freundin Nilu Ignatia, dass sie Aufgrund ihrer Tätigkeit jahrelang in Gefängnissen dahinvegetieren musste – ohne Versorgung oder Schutz. Viele sind verhungert. Wo ihre Kinder zu dem Zeitpunkt waren, wusste sie nicht. Als sie nach sechzehn Jahren zurückkam, war an eine Fortführung ihres früheren Lebens nicht zu denken, sie war für immer von allen öffentlichen Institutionen verbannt.

Aktivismus und Feminismen im Kalten Krieg

Eine andere von meiner Kollegin Nilu Ignatia interviewte Person erzählte, dass sie nur überlebt hat, weil ein Freund ihrer Eltern Gefängniswärter war und ihr manchmal etwas Reis geschenkt hat. Die Großmutter einer Freundin konnte das Gefängnis nur mit schwangerem Bauch verlassen und ihr Ehemann zuhause hat ihr diesen letzten Sohn, dieses Kind des Gefängniswärters, nie verziehen. Jahre später wurden viele dem Gefängnis entkommene Gerwani-Mitglieder noch sexuell belästigt, da ihnen nun das Stigma einer Perversen oder Sex-Arbeiterin anhaftete. Die gesamte politische Arbeit der Bewegung wurde durch Propaganda sexualisiert und entwertet.

Die größte Dichte an Gerwani-Aktivistinnen hatte es zufällig genau in der Gegend gegeben, aus der mein Partner kommt. Diese Stadt auf einem 3600 Meter hohen Vulkan, in der meine Schwiegereltern heute noch leben, hat ein Geheimnis: die Stadt war jahrelang rote Hochburg, also Kerngebiet der PKI, der indonesischen kommunistischen Partei. Fünf Jahre vor dem Beginn des Verschwindens der jungen Aktivistinnen war ein kommunistischer Bürgermeister im Amt gewesen, der ebenfalls verschwunden ist.

Aktivismus und Feminismen im Kalten Krieg

Heute ist es nicht einmal erlaubt, das Wort ‚Gerwani‘ zu erwähnen – so wenig wie Marxismus, Kommunismus oder gar Lenin. Jedenfalls kein Wunder, dass auch die Indonesische Frauenbewegung in dieser Region so stark verankert gewesen war. Sie wurde als Teil des viel gigantischeren linken Flügels in Indonesien gesehen, die bei den letzten erlaubten Wahlen in den 60ern mehr als ein Drittel der Wähler*innen gewinnen hatte können. Gerwani und PKI teilten die Überzeugung des Anti-Imperialismus und die Erwartungshaltung, dass die Umverteilung von Reich zu Arm stattfinden wird, wenn Menschen über politische, ökonomische und soziale Zusammenhänge diskutieren und sich bilden. Genau das war es, wovor Joseph McCarthy – zu dieser Zeit US-amerikanischer Senator und Vorsitzender des Government Operations Committee – den amerikanischen Präsidenten warnte: steigender kommunistischer Einfluss, der amerikanische Institutionen schädigen könnte. Der nach John F. Kennedy ins Amt gewählte Präsident Lyndon B. Johnson, der für die Eskalation des Vietnamkriegs 1964 berühmt wurde, urgierte daher eine geheime Intervention: den Gerwani-loyalen indonesischen Präsidenten Sukarno zu stürzen (vgl. Melvin 2018). Zunächst wurden einzelne O ziere in den USA ausgebildet und trainiert, dann dem USA-freundlichen Teil des Militärs vermittelt, sodass der erwünschte Regimewechsel wie ein Indonesien-interner Coup d’État aussehen konnte. Es war ein leichtes Spiel, den Sukarno-kritischen Teil des Militärs für diese Taktik zu gewinnen, denn Sukarno hatte gerade angefangen, einen fünften unabhängigen und von der Zivilbevölkerung getragenen Militärbereich aufzubauen, wodurch das damalige Sukarno-kritische Militär seine Macht eingebüßt hätte.

Im Zuge eines militärinternen Konflikts ermordeten am 30. September 1965 Verschwörer*innen mehrere Sukarno-treue Generäle. Diese Gewalttat war der geeignete Augenblick für den US-geschulten Teil des Militärs ans Ruder zu kommen. Sie behaupteten, Gerwani hätte die Generäle ermordet. Gerwani, die kommunistische Partei und die Partei Sukarnos hatten von Anfang an abgestritten, hinter diesem Coup gestanden zu sein, doch ihre Radiosender und Medien wurden gesperrt. Durch Fake-News, die über importierte Radioapparate und einem einzigen Radioprogramm in ganz Indonesien verbreitet wurden, bekam die gesamte Bevölkerung nun zu hören, was gebetsmühlenartig bis ins Jahr 1998 auf allen Propaganda-Kanälen und jeder einzelnen indonesischen Schule jedes Jahr wiederholt werden sollte: „Anhängerinnen von Gerwani hatten mehrere Generäle ermordet, auf perverseste Art die Körper der Generäle geschändet und ihre Penisse abgeschnitten.“ Sie hätten nackt getanzt und dabei Widerstandslieder gesungen. Am Ende hätten sie die Leichname in einen Brunnen geworfen. Dies war die offizielle Erklärung, warum das Militär nun die Kontrolle übernehmen müsse.

Es gibt Beweisfotos und Zeug*innenaussagen, die zeigen, dass die toten Generäle nicht geschändet wurden, dass ihre Geschlechtsteile intakt gewesen waren, dass Menschen unter Folter zu falschen Aussagen über die Geschehnisse gezwungen wurden. Doch die einzig propagierte offizielle Version des Militärs lautete anders. Um Präsident Sukarno vor der kommunistischen Partei zu ‚schützen‘, die laut Militär einen Sturz herbeiführen hatte wollen, wurden tausende Menschen, die der kommunistischen Partei oder ihren Verbündeten zugerechnet wurden, zu Staatsfeinden erklärt. In den Monaten von Oktober 1965 bis Ende 1966 wurden tausende Menschen umgebracht. Dazu zählten Lehrer*innen, Intellektuelle, Gewerkschafter*innen, Sukarno- Anhänger*innen und natürlich alle Mitglieder von Gerwani, ihre Freund*innen und Bekannte, ihre Familien, alle kulturellen Gruppen. Auch Menschen, wie die Tanzschülerinnen, die nur zufällig in einer der vielen Veranstaltungen von Gerwani teilgenommen hatten, ohne über deren politische Inhalte gewusst zu haben.

Es war eine vom Militär für ganz Indonesien koordinierte, finanzierte und zentral gesteuerte Operation, mit Logistik, Namenslisten (A-, B-, C-Kategorien), Waffen und Medien des US-amerikanischen Heeres (vgl. Melvin 2018). Allerdings rekrutierte und/oder zwang das Militär auch hunderte Zivilist*innen für sie zu morden. Menschen wurden abgeholt, zum Waldrand gebracht und umgebracht, ihre Körper wurden in Massengräber geworfen. Bis heute gibt es von all den tausenden Massengräbern nur eine Handvoll Hinweise durch Grabsteine oder geheime Gedenktafeln. Obwohl es keine Erinnerungsorte gibt, erzählen Menschen in bestimmten Dörfern, in denen es Massengräber gab, dass sie Geister sehen. Zum Beispiel den einer charismatischen Gerwani-Anführerin, die auch Puppenspielerin gewesen war. Wenn es regnet, hören die Dorfbewohner*innen das leise Weinen dieser schönen Frau, die auf diese Weise unvergessen bleibt (vgl. Wieringa et al. 2019 und Gorden 2008).

Dieser so fürchterliche wie nicht aufgearbeitete Genozid, der unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand, wurde in keiner Weise vom Westen verhindert. Im Gegenteil: Mit dem Antritt des neuen Präsidenten Suharto wurde Indonesien feierlich in die Vereinten Nationen aufgenommen. Nach Johnson kam Nixon an die Macht, dessen enger Berater – Milton Friedman, der Erfinder des Neoliberalismus – schon in Südamerika links-orientierte Länder wie Chile oder Argentinien durch ‚bewaffnete Ökonomen‘ wieder auf die ‚rechte Bahn‘ gebracht hatte (vgl. Simpson 2008). Nixon lud Suharto zu einem Staatsbesuch ins Weiße Haus ein und ließ sich von ihm in prachtvollen Rahmen in Jakarta empfangen, während Gerwani-Anhängerinnen in Jakarta über Jahrzehnte in einem der berüchtigtsten Gefängnisse ums Überleben kämpften. Suharto setzte eine vermeintliche Frauenorganisation ein, die Gerwani ersetzen sollte: eine normalisierende, hierarchisch und patriarchal organisierte Ehefrauen-Organisation namens PKK (family welfare movement), die gefällige binäre Geschlechternormen predigte und die Erinnerung an Gerwani tilgen sollte (vgl. Suryakusuma 1988 und Wieringa 1993).

Selbst wenn Überlebende aus dem Gefängnis entlassen worden waren, stand in ihrem Ausweis das schreckliche Kürzel „E.T. – politischer Gefangener“, was die Jobsuche und das Leben für die gesamte Familie sehr schwer machte und bis heute schwer macht. Nach Schätzungen sind diesem Genozid zwischen 1965 und 1966 mehr als eine Million Menschen zum Opfer gefallen.

Doch gab es keine Kontinuität? Gerwani-Mitglieder waren weiterhin aktiv, besonders in den Gefängnissen. Sie kommunizierten über Codes – beispielsweise mittels Kochrezepte, in denen die Zutaten für bestimmte Begriffe standen, mittels Lieder, die versteckte Botschaften enthielten („Genjer-Genjer“); durch als Musikproben getarnte informelle Treffen unter Zeitzeug*innen, in denen sie sich gegenseitig unterstützten.

Es gibt auch heute noch junge Aktivist*innen, mutiger und skeptischer gegenüber dem Verscherbeln von indonesischem Land, Trinkwasser und Rohstoffen denn je. Sie leben oft abseits in Commons, müssen im physischen Raum wie eine Stecknadel im Heuhaufen gesucht werden, doch sie sind v.a. online international einflussreich: Sie haben professionelle, bunte Online-Auftritte und beeindruckende Social-Media-Performances, erreichen über das Internet tausende Menschen im In- und Ausland. Viele von ihnen halten ihre hip-designten Websites durchgängig in englischer Sprache, sind informiert über internationale Publikationen, Kampagnen, Festivals, Ausstellungen und Konferenzen. Sie leben und halten Workshops in kleinen Dörfern. Hier stehen ähnliche Ziele im Mittelpunkt, wie sie einst Gerwani verfolgte: Sich selbst versorgen, Autonomie gewinnen, über Arbeitsrechte, über sexuelle Rechte und Gesundheit Bescheid wissen und in peer-to-peer-Workshops teilen; sich einsetzen für Unabhängigkeit und gerechten Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen, Nachhaltigkeit, internationale Vernetzung. Ihnen stehen keine guten Krankenhäuser oder Schulen zur Verfügung, aber sie gewinnen an Einfluss und ihre Stimmen werden zunehmend lauter. Ich hoffe, meine Tochter wird einmal mit ihren Kindern auf Augenhöhe eine gemeinsame, faire Zukunft planen können.

Dies ist ein Einblick in das künstlerische Forschungsprojekt Coded Feminisms in Indonesia, angesiedelt an der TU Berlin und gefördert durch das Hochschulprogramm DiGiTal. Die Forschungsdaten werden in einen handgezeichneten Animationsfilm einfließen, der Interviews mit ehemaligen Gerwani-Mitgliedern in englischer Übersetzung beinhalten wird.

Gorden, F. Avery (2008). Ghostly Matters. Haunting and the Sociological Imagination. Minnesota: Minnesota Press.

Larasati, Rachmi Diyah (2013). The Dance That Makes You Vanish. Cultural Reconstruction in Post-Genocide Indonesia. Minneapolis/London: University of Minnesota Press.

Melvin, Jess (2018). The Army and the Indonesian Genocide: Mechanics of Mass Murder. Oxford: Routledge.

Simpson, Bradley R. (2008). Economists with Guns: Authoritarian Development and U.S.-Indonesian Relations, 1960-1968. Stanford: Stanford University Press. Sulami (1999). Perempuan - Kebenaran - Penjara: Kisah Nyata Wanita Dipenjara 20 Tahun Karena Makar dan Subversi. Jakarta: Cipta Karya.

Suryakusuma, Julia I. (1988). State Ibuism: The Social Construction of Womanhood in the Indonesian New Order. Depok: Institute of Social Studies.

Wieringa, Saskia E. (1993). Two Indonesian women‘s organizations: Gerwani and the PKK. In: Bulletin of Concerned Asian Scholars, 25/2, S. 17-30. Wieringa, Saskia E. (2002): Sexual Politics in Indonesia. London: Palgrave Macmillan.

Wieringa, S.; Melvin, J.; Pohlman, A. (Hg.) (2019). The International People’s Tribunal for 1965 and the Indonesian Genocide. London: Routledge.

Stefanie Wuschitz arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst, Forschung und Technologie, mit Fokus auf critical media practices (feminist hacking, open source technology, peer production). Sie studierte Medienkunst in Wien und New York. 2014 schloss sie ihr Doktorat über feministische Hackerspaces an der TU Wien ab.

Ein Autor*innenprojekt zu Besitz, Macht und Hegemonie

Miroslava Svolikova

Alle Essays sind auch als Buch erschienen:

WER DEUTET DIE WELT?
Josef Kirchner und Theresa Seraphin (Hrsg.)
Verlag: edition mosaik, Salzburg 2020
ISBN: 978-3-9504843-5-9
Preis: 15 €

Erhältlich online bei Liberladen oder auf dem Büchertisch zum Festival in der Rupertus Buchhandlung Salzburg

OPEN MIND Festival Programmheft

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