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OPEN MIND Festival 2020

WEM GEHÖRT DIE WELT?

Wem gehört der Frauenkörper? Miroslava Svolikova untersucht Schicht für Schicht den gesellschaftlichen Besitzanspruch am weiblichen Körper. Patriarchale Strukturen, biologistischer Arterhalt und kapitalistische Gewinnlogiken – sie alle fordern einen Anteil an ihm.

frauenkörperfragmente

von Miroslava Svolikova

1.
der körper kann sich nicht verstehen, und nicht interpretieren, das muss er auch nicht, der körper lebt sich einfach selbst, er stellt sich hin. Die gesellschaft interpretiert den körper, die gesellschaft interpretierte irgendwann den körper als notwendig für ihren selbsterhalt, die gesellschaft interpretierte irgendwann den frauenkörper als notwendig für ihren selbsterhalt, das jungfräuliche gefäß des frauenkörpers als ware, die eine familie an die nächste reicht, als gefäß, das unversehrt bleiben muss, einem zweck dient, aus dem man den nachwuchs holt. herrscht die gesellschaft über die körper, dann ist auch der zugriff auf den frauenkörper totalitär. wir brauchen dich. wir brauchen dich für unseren erhalt, sagt die gesellschaft, du bist da hauptsächlich für uns. aus diesen zwängen befreite sich der frauenkörper nur langsam, wohl möglich gar nicht. die befreiungsaktion der körper läuft nicht lange, hat gerade erste begonnen, wie viele generationen ist das her, die frage ist, wo läuft sie hin, worauf läuft sie hinaus.

2.
die bienenkönigin im bienenstock ist einsam. sie stellt den erhalt des volkes sicher und kümmert sich um die reproduktion, sie hat nur diese aufgabe. die anderen bienen, die mangelhafte abbilder der königin sind, arbeiten am erhalt des staates. jede biene geht auf im volk, jede biene bildet den staat der bienen. die bedürfnisse des volkes sind die bedürfnisse der biene. das überleben des volkes geht vor das überleben der einzelnen arbeiterin. ob die biene die königin selbst oder nur eine der arbeiterinnen ist, das kümmert die bienen nicht. die bienen verlangen kein leben außerhalb dieser ordnung. sie arbeiten hart, um das volk und damit sich selbst zu erhalten. das ist das geschenk und der fluch des menschen, in der artenerhaltung des ganzen eine nische zu finden für sich selbst. eine nische zu finden für die eigene autonomie.

3.
die gesellschaft zieht ihre tentakel nur langsam aus dem frauenkörper heraus, er ist zu wichtig. wer den frauenkörper bestimmt, bestimmt die reproduktion. so lange starrte die gesellschaft auf den frauenkörper, irgendwann blieb der blick hängen: jetzt schaut sie nicht mehr weg, die gesellschaft hat eine fixierung, eine ungesunde fixierung entwickelt, sie schafft es einfach nicht mehr. der gesellschaftliche blick und der frauenkörper verharren in einer toxischen beziehung. der frauenkörper ist immer ein problem, er ist immer etwas zu sehr und etwas zu wenig. er passt nicht und muss immer irgendwie angepasst werden. der frauenkörper wird durch tausend augen massiert, die ihn formen. dem frauenkörper ist ein großes scheitern umgehängt: er kann nie genügen. den frauenkörper passend zu machen versorgt ganze industrien. die gesundheits-, kosmetik-, fitness-, mode-, ernährungs- und generelle konsumindustrie nuckeln daran wie an einer flasche. der frauenkörper ist in einem ständigen push pull, er will genügen, soll genügen, will begehrt werden, löst begehren aus. am frauenkörper hängen die identitäten. und die magazine klopfen dem frauenkörper auf die schulter und sagen: schnell schnell schnell, ablaufdatum frauenkörper, projektionsfläche jugend, das dauert alles nicht lang, nicht denken, nicht warten, ups oje, schon zu spät, der nächste, der nächste frauenkörper, da sind so viele, da kommen immer neue nach, das ablaufdatum läuft sich selbst voraus, die industrie nuckelt an ihrer flasche, das läuft alles von selbst, nur keine panik auf der titanik, usw.

4.
die sexualität hat eine fröhliche interaktionsfunktion. die sexualität ist interaktiv und sie kann nichts dafür, wie gleichberechtigt unsere interaktionen sind, und es ist ihr egal. sie kann nichts dafür, wie die gesellschaftlichen verhältnisse sind. die sexualität ist eine fröhliche interaktion und kein spiegel, die sexualität ist kein abbild gesellschaftlicher missstände, zerschlagt die spiegel. die sexualität dient sich selbst und ist fröhlich, das leben geht einfach weiter. das ich hat seine nische, der körper hat seine zeit. die sinnlichkeit des körpers lässt sich nicht durch sprache ersetzen. die reflexion kann man ihm nur zur seite stellen, als begleitende maßnahme. die identitätsebene des ichs macht den körper kompliziert. ohne identitätsebene des ichs wäre der körper nicht halb so kompliziert. über die identität funkt die gesellschaft in die körper hinein. der körper gehört dem individuum und gehört ihm nicht, der körper ist leib und ist es nicht. der körper ist kein sicherer besitz. wir besitzen nicht die zeit und nicht das leben. das leben dauert nur so lang.

5.
gebt dem körper, was des körpers ist, gebt dem körper zurück, was des körpers ist! die sicherheit, die bewegung, die lust! das recht zu altern und fehlerhaft zu sein! sich zu bewegen, zu tragen und sich selbst zu genügen!

wer befreit den körper aus der reduktion auf eine oberfläche, gibt den körper sich selber zurück? der körper selbst! eine lanze nehmen und der gesellschaft das fixierte zyklopenauge ausstechen, oh ja!

Miroslava Svolikova, geboren 1986, studierte Philosophie und Bildende Kunst in Wien und Paris und besuchte den Lehrgang für szenisches Schreiben beim DRAMA FORUM der uniT Graz. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Retzhofer-Dramapreis 2015.

Ein Autor*innenprojekt zu Besitz, Macht und Hegemonie

Miroslava Svolikova

Alle Essays sind auch als Buch erschienen:

WER DEUTET DIE WELT?
Josef Kirchner und Theresa Seraphin (Hrsg.)
Verlag: edition mosaik, Salzburg 2020
ISBN: 978-3-9504843-5-9
Preis: 15 €

Erhältlich online bei Liberladen oder auf dem Büchertisch zum Festival in der Rupertus Buchhandlung Salzburg

OPEN MIND Festival Programmheft

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