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„Der Firmenhymnenhandel“

The Sound of Kapitalismus. Politisches Theater at its best, u.a. mit Robert Stadlober, Pheline Roggan. Regie: Thomas Ebermann. Eintritt: Pay what you want

ARGE theater
„Der Firmenhymnenhandel“ am 16.11.2013 um 20:00 Uhr
Foto (c) Conny Winter

Geld alleine macht nicht (mehr) glücklich. Immer mehr Firmen schaffen sich eine Hymne an - Werbespots für mehr Einsatzfreude am Arbeitsplatz. Diese sollen das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Motivation der MitarbeiterInnen stärken, die Arbeitsmoral heben und die Krankenstände senken; schlicht: den Output steigern. Der Firmenhymnenhandel thematisiert diese Entwicklungen in einer Tour de Farce durch die moderne Arbeitswelt und wirft einen satirischen Blick auf die Abgründe des heutigen Kapitalismus.

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin. Kein Sturm hält uns auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin.

Schöne neue Arbeitswelt. Firmenhymnen sind Bestandteil einer sich allgemein auf dem Vormarsch befindenden Ideologie, die das Arbeitsleben zur höchsten Form der Selbstverwirklichung erklärt und die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit (auf die man sich früher freute) aufzuheben trachtet. Die Degradierung zum Humankapital findet ihre Zuspitzung im Besingen der Schönheiten der Firma, deren LohnarbeiterIn man ist.

PAY WHAT YOU WANT ist eine Vorgabe der Europäischen Theaternacht 2013. Der Eintrittspreis richtet sich nach den finanziellen Möglichkeiten der BesucherInnen. Die ARGEkultur hat sich entschieden, die Einnahmen dem Flüchtlingsprojekt des Verein Ute Bock zu spenden.

Denn Arbeit bedeutet nicht mehr wie früher, einfach den Lebensunterhalt zu verdienen. Heute sind Motivation, Identifikation, Kreativität und Self-Empowerment gefragt. Und weil das so ist, modernisiert die Junior-Chefin den bislang recht altbacken geführten mittelständischen Betrieb ihres Vaters. Und dazu gehört eben auch – im Theaterstück wie im realen Wirtschaftsleben – eine Firmenhymne.

Mit Hymnen kämpft die kapitalistische Struktur um die Anerkennung als Volkseigentum. Das ist die Tradition der Illusion.
Thomas Ebermann (Regie)
Der Firmenhymnenhändler und sein depressiver Chefkomponist kommen zur Präsentation und zeigen, dass sie wirklich gute Leute unter Vertrag haben: KünstlerInnen, die jede Weihnachts- oder Jubiläumsfeier schmücken würden. Für den Geschäftsabschluss muss es kein Nachteil sein, dass sich die jungen Leute aus ihrer Studienzeit kennen. Ziemlich rebellische Jahre waren das – damals; und Pläne hatten sie…! Andererseits: Brotlose Kunst macht eben nicht satt, davon können u. a. auch Bernadette La Hengst, Ja, Panik, Schorsch Kamerun, Dirk von Lowtzow, Melissa Logan, 1000 Robota, Harry Rowohlt oder Rocko Schamoni ein Lied bzw. einen Feel-Good-Song für Unternehmen singen.
The Sound of Kapitalismus
  • Text und Regie Thomas Ebermann
  • Mit Pheline Roggan, Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer
  • Musikalische Leitung Ted Gaier, Thomas Wenzel
  • Videos Katharina Duve, Timo Schierhorn
  • Kostüme und Bühne Astrid Noventa
  • Regieassistenz Milli Schmidt
  • Wissenschaftliche Beratung Rudi Maier
  • FirmenhymnensängerInnen/MusikerInnen auf der Leinwand Gilla Cremer, Dieter Glawischnig, Bernadette La Hengst, Honigbomber, Ja, Panik, Schorsch Kamerun, Dirk von Lowtzow, Melissa Logan, Nina Petri, Thomas Pigor, Lisa Politt, Jens Rachut, 1000 Robota, Harry Rowohlt, Sandy Beach, Rocko Schamoni, Kristof Schreuf, Horst Tomayer, UiJuiJui, Reiner Winterschladen, Gustav Peter Wöhler

„Der Firmenhymnenhandel“ ist eine Produktion von Thomas Ebermann und Kampnagel, gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, RockCity Hamburg und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Thomas Ebermann

geb. 1951, war Gründungsmitglied der Grünen in Deutschland, 1990 Parteiaustritt. Er arbeitet als Buchautor, Publizist, Satiriker und Kabarettist in Hamburg. Mit zahlreichen befreundeten KünstlerInnen wie Robert Stadlober („Crazy“, „Sonnenallee“ oder „Krabat“), Pheline Roggan („Soul Kitchen“), Ted Gaier (Die Goldenen Zitronen) oder Thomas Wenzel (Die Sterne) hat Ebermann sein erstes abendfüllendes Stück erarbeitet.

Das ist etwas Neues im Strukturwandel des Kapitalismus: die Aufhebung von Freizeit. Menschen sollen ihren Glücksanspruch rund um die Arbeitswelt herum strukturieren. Man weiß ja heute gar nicht mehr, ob es beim Schwimmbadbesuch noch darum geht, zu planschen und die Sonne zu genießen, oder nicht vielmehr darum, die Fitness und Jugendlichkeit für den Betrieb zu erhalten. Dabei ist es ja der größte Horror, wenn die Menschen sich darüber definieren, dass sie als Objekte der Verwertung tauglich sind. Das kommt noch gemeiner daher, wenn es um diese kreativen Projekte geht.
Thomas Ebermann
Thomas Ebermann

Robert Stadlober

Jeder Mensch sollte ein Recht darauf haben, seinen Job doof finden zu dürfen. Es ist schon eine perfide Form von Zynismus, wenn der Manager zusammen mit dem Fließbandarbeiter ein Lied singt, das die Gemeinschaft beschwört. Diese Gleichmacherei verschleiert die wahren Hierarchien und hält die Untergebenen davon ab, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist absurd, aber es ist die Wirklichkeit. Es ist ja nichts, was wir uns ausgedacht haben als lustigen Witz für unser Theaterstück. Es geht darum, dass die Leute über diese Erpressung zur Identifikation mit der Firma noch beschissenere Arbeitsbedingungen akzeptieren sollen, weil sie ja für so eine tolle Sache arbeiten.
Robert Stadlober
Robert Stadlober
Foto (c) Matthias David
Gesellschafts- und Kapitalismuskritik vom Feinsten. Unbedingt empfehlenswert!!!
der Freitag
Sein Spottlied auf die von oben verordnete Angestellten-Belustigung überlässt es wunderbaren Schauspielern, die Peinlichkeiten mit intellektuellem Biss anzuprangern.
Mannheimer Morgen
Ted Geyer und Thomas Wenzel haben dafür gesorgt, dass die Künstler Lieder singen, die das Wort Fremdscham neu definieren.
Jungle World
Eine treffende Analyse der wirtschaftlichen Situation von Künstlern – und der heutigen Arbeitswelt. Die jungen Motivatoren mit den Psycho-Tricks sind nicht menschlicher als die alten Kapitalisten – sie verkaufen ihre Ideen nur besser.
Neu-Ulmer Zeitung
Es gibt tatsächlich noch gutes politisches Theater in Deutschland.
Szene Leipzig

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