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„Fraktus“ – Der Film

Das letzte Kapitel der Musikgeschichte. Eine Dokumentation über die „Urväter des Techno“. Plus Bonustrack „... no lies“

ARGE open mind festival
„Fraktus“ – Der Film am 22.11.2013 um 20:00 Uhr
Artwork (c) corazon int. Pandora Film

Von Westbam bis Scooter, von Blixa Bargeld bis Dieter Meier: Die Electronic-Szene ist sich einig: FRAKTUS haben Techno erfunden. Haben seine Ästhetik, seine Klangrevolte, seine Technik vorweggenommen. Trotz vielversprechender Anfangserfolge in den 80er-Jahren und ihrem einzigartigen Sound sind FRAKTUS ein Mythos geblieben. Zwar enorm einflussreich und hochgeschätzt von Szene-KollegInnen weltweit, aber als Band vor über 25 Jahren im Streit auseinander gegangen und heute nur noch InsiderInnen ein Begriff. Was wurde aus ihnen? Was machen die drei

Musikmanager Roger Dettner hat ein ehrgeiziges Ziel: Er will das legendäre Elektropop-Trio Fraktus, das seit über 25 Jahren getrennt ist, zu einem Comeback bewegen. Unter dem Vorwand, eine Dokumentation über die Band drehen zu wollen, macht er sich daran, die drei grundverschiedenen Musiker Dirk Eberhard („Dickie“) Schubert, Bernd Wand und Torsten Bage aufzuspüren. Keine leichte Aufgabe, haben sich doch die „Urväter des Techno“ heute nicht mehr viel zu sagen. Doch Dettner gelingt die pophistorische Sensation: Er bringt sie an einen Tisch und Fraktus wieder ins Studio. Nach 25 Jahren schließt sich ein Kreis: Fraktus treten wieder auf. Die Musikhistorie wird neu geschrieben. Diesmal mit Fraktus als zentralem Kapitel. Geschichte vergisst wahre ErfinderInnen nie. Selbst Fraktus nicht.

Zur Bandgeschichte

Nach ihrer Gründung 1979 hatten Fraktus in ihrem vierjährigen Bestehen zwar wenig kommerziellen Erfolg, gelten aber ästhetisch wie klangtechnisch bis heute als einer der größten Einflüsse der späteren Technobewegung. Ihre selbstgebauten Instrumente, ihre kompromisslose Haltung und ihre minimalistischen Performances waren wegweisend und visionär. Mit dem wirren Song „Affe sucht Liebe“ enterten sie 1983 sogar die deutschen Charts. Doch die Konflikte innerhalb des Trios wurden immer größer: Während Sänger Dickie Schubert der wachsende Ruhm zu Kopf stieg, zog sich der Tontüftler Bernd Wand in ein Schneckenhaus immer abseitiger Klangexperimente zurück. Und Torsten Bage interessierte sich nur für den kommerziellen Erfolg.
Fraktus letzter Auftritt in Hamburg im November 1983 setzte dann den Schlusspunkt unter die kurze Karriere der Band. Während des Konzerts führte ein Kurzschluss zu einem Feuer, Equipment und Halle brannten. Kurz darauf trennte sich die Band. Und wurde zum prägenden Mythos.

Zum Zeitpunkt, als das rauskam, wusste man noch gar nicht, wie large das eigentlich ist. So war das auch bei FRAKTUS. Die Leute speichern das als was Schönes ab und dann merkt man erst 15 Jahre später, was für einen Impact FRAKTUS hatten.
Jan Delay
Für mich persönlich waren FRAKTUS wie eine Entjungferung, also musikalisch gesehen! Ich hatte zuvor noch nie so etwas gehört. Hätte es die nicht gegeben, hätte es Techno so nicht gegeben. Nur waren die defintiv zu früh für den ganz großen Erfolg. Ich war auch bei ihrem letzten Konzert dabei, in der Turbine, die dann abgebrannt ist. Ich habe leider nie mehr was von der Band gehört.
Marusha, DJ und Produzentin
Ob die wirklich ihrer Zeit voraus waren, kann ich nicht beurteilen, die Zeiten sind ja noch nicht abgeschlossen. Wichtig war, dass der Bernd Wand anfing, selber Instrumente zu bauen. Der hat ja ne Drummachine gebaut aus Schaltern! Dann haben FRAKTUS diese gerade Bassline vielleicht als erste benutzt, das kann sein, aber nicht aus einer kreativen Entscheidung heraus, sondern aus Unfähigkeit, etwas anderes zu tun.
Blixa Bargeld, Einstürzende Neubauten
Ehrlich gesagt sind FRAKTUS wie Studio Braun: Eine fragile Lebensgemeinschaft, deren langer Atem noch viele wunderbare Werke an die Busscheibe der Kunst hauchen wird. Danke.
Studio Braun

www.fraktus.de

Biographien

Dirk Eberhard („Dickie“) Schubert

Das Interesse mit der Musik war eigentlich schon mein ganzes Leben lang so. Auch bei FRAKTUS. Ich mein, die anderen beiden waren natürlich auch toll und haben geholfen, aber ich sag da immer: Stell dir mal einen Schmetterling vor: Zwei Flügel, ein Körper. Wer bestimmt, wo man hinfliegt? Die Flügel alleine reichen nicht aus. Du brauchst einen Körper, der die Richtung vorgibt. Und bei uns damals war Torsten meinetwegen der linke Flügel und Bernd der rechte Flügel, oder umgekehrt, ist ja egal. Wichtig ist: ich war der Körper in der Mitte. Und eines Tages habe ich die Flügel abgeworfen und bin zu dem geworden, was ich heute bin.

Dirk Eberhard („Dickie“) Schubert

Bernd Wand

BIG Bel war unsere erste Single, damals noch ohne Torsten und unter dem Namen Freakazzé. Da habe ich eine Sache vorweggenommen, die später die gesamte Musikwelt revolutionieren sollte: und zwar das Sampling. Ich bin tagelang mit ’nem Revox A77 über die Bauernhöfe und hab da die Köter aufgenommen. Und zu Hause mit der Nagelschere dann den „Big Bell“ aus dem Tonband zusammengeschnitten. Der Schockeffekt war damals, dass die Leute Glocken erwartet haben.

Bernd Wand

Torsten Bage

AFFE SUCHT LIEBE ist eigentlich die erste richtige FRAKTUS-Platte. Das hört man daran, dass ich da mit eisernem Besen einmal richtig durch die Platte durchgegangen bin und ein entscheidendes Element eingeführt habe: die Querflöte. Absolutes Novum in der Avantgarde-Szene, hat’s vorher nicht gegeben und nachher auch nicht wieder. Und dann habe ich Synthieflächen kombiniert, bis zu acht Mal hintereinander aufgenommen. Das ist vom Prinzip das Ding, was die frühen Bee Gees mit ihrem Gesang gemacht haben. Und das hat denn zu dem eigentlichen FRAKTUSSound geführt, von dem wir jetzt sprechen. Ich habe da Struktur reingebracht. Die meisten haben echt keine Ahnung!

Torsten Bage

Der Regisseur

Lars Jessen drehte diverse Dokumentarfilme, Fernsehfilme und Serien wie „Butter bei die Fische“, „Tatort“, „Mord mit Aussicht“ oder „Großstadtrevier“. Bereits in einigen seiner Kinofilme, etwa in „Am Tag als Bobby Ewing starb“, „Hochzeitspolka“ oder „Dorfpunks“ näherte er sich der Schattenseite bundesdeutscher Realitäten an und porträtierte nach bürgerlichen Maßstäben gescheiterte Lebensentwürfe.

Lars Jessen
  • Team
  • Regie Lars Jessen
  • Drehbuch Studio Braun, Sebastian Schultz, Ingo Haeb & Lars Jessen
  • Mit Devid Striesow, Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger, Piet Fuchs, Anna Bederke, Hanes Hellmann, Felix Goeser
  • Fraktus 80er-Jahre Marcus Engelhardt, Kenny -David Baehr, Rafael Weitzel
  • feat. Jan Delay, Westbam, H.P. Baxxter, Alex Christensen, Dieter Meier, Stephan Remmler, Blixa Bargeld, Marusha, Steve Blame u.v.a.

Eine Corazón International Produktion in Koproduktion mit NDR/arte in Zusammenarbeit mit Dorje Film; 2012, 95 Minuten, OF Deutsch
www.pandorafilm.de

BONUSTRACK: „… no lies“

Regie: Mitchell Block, USA 1972, 16 Min, OF Englisch

„… no lies“ gilt als Begründer des Film-Genres „Mockumentary“. Der Film präsentiert sich als ein wahrer und wirklicher Dokumentarfilm und stellt die Abschlussarbeit von Mitchell Block dar.
1972 machte er seinen Master of Fine Arts (MFA) am Institut für Film und Fernsehen der New York University (NYU). Seither wurde der Film in 17 fachwissenschaftlichen Büchern zitiert und gewann mehr als 40 Preise auf Filmfestivals – u. a. einen Emmy.

It tears you up. It is devastating.
Cecil Smith, Los Angeles Times
One of the most extraordinary films we have seen.
Media and Methods

Mockumentary

Mockumentary = „to mock“ (vortäuschen, verspotten) + „documentary“ (Dokumentarfilm)

Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.
Sergej Eisenstein, 1925

Was passiert, wenn ein Film wie ein typischer Dokumentarfilm aussieht, am Ende aber paradoxerweise nicht als solcher verstanden werden will? Was, wenn solche als „Mockumentaries“ bezeichneten Filme mit uns ZuschauerInnen ein geschicktes Verwirrspiel spielen, indem sie sich widersprechende fiktionale und dokumentarische Signale senden? Was, wenn wir uns am Ende nicht mehr nur fragen, was real und was fiktiv ist, sondern: Ist das ein echter Dokumentarfilm?

Mockumentary-Filme führen uns auf humorige oder auch ernste Art und Weise vor, wie sehr uns unsere Sehgewohnheiten, Erwartungshaltungen und der Einsatz filmischer Stilmittel nach wie vor unbemerkt beeinflussen und damit auch, wie leicht wir an die Grenzen unserer Medienkompetenz stoßen. Darüber hinaus sind sie Provokation und Kritik, gerichtet an alle DokumentarfilmerInnen, die sich in ihrem Anspruch und ihrer Arbeitsweise vom fiktionalen Film abzugrenzen versuchen.
(vgl. Maren Sextro, Berliner Schriften zur Medienwissenschaft „Mockumentaries und die Dekonstruktion des klassischen Dokumentarfilms“, 2010)

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