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Dillon

Gläserner Avantgarde-Pop und eine angenehm unperfekte und wahrhaftige Stimme. Erstes Salzburg-Konzert der Ausnahmekünstlerin als Abschluss des Festivals.

ARGE konzert ARGE open mind festival
Dillon am 22.11.2015 um 20:00 Uhr
Foto (c) Siggi Eggertsson

Kaum eine Musikerin dieser Zeit wurde in so viele Schubladen gesteckt wie Dillon: von einer Tochter im Geiste von SOHN oder James Blake war die Rede; von einer Stimme, die mit Feist, Björk oder Lykke Li verglichen wurde. Nach ihrem umjubelten Debüt „This Silence Kills“ (2011) zeigt sie mit der Platte „The Unknown“, dass sie längst keine Referenzen mehr nötig hat, sondern endlich Platz gefunden hat für die eigene Identität. Dillon klingt wie Dillon und erkundet eindrucksvoll eine Twilight-Zone der noch nicht kartographierten Elektronik.

Ein Klavier, eine Stimme und eine Geschichte – das sind die Elemente, die Dominique Dillon de Byington alias Dillon ausreichen, um ihre Magie zu verbreiten. Eine Magie, die das Drama genauso kennt wie das Lamento oder die selbstbewusste Zurschaustellung der persönlichen Narben sowie zweifelnden Gedanken. Die gebürtige Brasilianerin entführt die Zuhörer*innen in das Mysterium Musik – und verzückt mit ihrem Chanson-Pop und sinnlicher Elektronik Publikum, Musikpresse und Feuilleton gleichermaßen. Mit Songs wie „Tip Tapping“, „Thirteen Thirtyfive“ oder „You Are My Winter“ hinterließ die junge, in Berlin lebende Künstlerin nicht nur in der Indie-Szene ihre Visitenkarte: „This Silence Kills“ war lieblich und anziehend genug, um sich als Pop-Platte mit Singer-/Songwriter-Leidenschaft zu etablieren und ausreichend experimentell, um als Kunst-Projekt ernst genommen zu werden. Es folgten zwei ausverkaufte Tourneen und zahlreiche Festival-Gigs auf der ganzen Welt – ein Leben on the road. Für Dillon absolutes Neuland.

Konzentrierter, direkter und eindringlicher als das Debüt ist The Unknown geworden. Filigran gebautes Sounddesign und große Songwritingkunst, in der die Echos von Clubmusik nachhallen. Musik wie ein magischer Nebel, der nach der Apokalypse über der Erde steht.
FM4

2014 veröffentlichte Dillon „The Unknown“, auf dem sie abstrakter textete und ihr behutsames Klavierspiel stärker und akzentuierter in den Vordergrund stellte: „Das Album ist vielmehr ein Hör- und Malbuch als ein klassisches Album“, sagt Dillon.
Reduzierte, filigrane Arrangements, bittersüße Melodien und das fragile, elegische Timbre Dillons stehen paradigmatisch für den auditiven Minimalismus, der sich gerade dadurch maximal entfalten kann. Puristische, spärlich, aber virtuos eingesetzte elektronische Finessen, manchmal nicht mehr als ein Rauschen oder ein Zirpen, vermengen sich mit dem als Antipode fungierenden Piano zu einer Emulsion aus organischen Elementen und Elektronik.

War der Großteil des Debüts mit all seinen Melodien und Arrangements bereits vor der Aufnahme fertig, ist „The Unknown“ mehr als konzeptuelles Werk entstanden, wobei es trotz der neuen Arbeitsweise als Sequel zu „This Silence Kills“ verstanden werden muss. Innerhalb von drei Wochen wurde im gleichen Studio und sogar im gleichen Raum von Clouds Hill Recordings in Hamburg der Grundstein für Album Nummer zwei gelegt. Abermals arbeitete sie mit Thies Mynther (Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Özgönenc (MIT) zusammen: „Ich habe keinen Sinn darin gesehen mit jemand anderen zusammenarbeiten. Wir haben damals einen Dialog begonnen, der in meinen Augen noch nicht zu Ende besprochen war.“
„Dann musste ich merken, dass ich meine Perspektive wechseln musste, dass es mir nichts mehr bringt, nach außen zu gucken, weil mich da einfach nichts bewegt. Aber dass ich immer noch so wütend bin, und dass anscheinend was in mir lebt. Und dann musste ich anfangen, über mich selbst zu sprechen und zu schreiben. Und der einzige Weg, wie ich das machen konnte, war, indem ich die Texte offener gehalten habe. Sie sind geschlechtslos und zeitlos, es gibt keine Bezüge zu Orten und sie sind wahnsinnig offen.“ (Dillon im Gespräch mit Florian Fricke/ Deutschlandfunk)

In den frühen Morgenstunden sollen die Lieder bzw. die ihnen zugrundeliegenden Gedichte vor allem entstanden sein. Dillon stand nach eigenem Bekunden wochenlang, Tag für Tag um 4:30 Uhr auf, um auf die Inspiration, „The Unknown“ zu warten.
Das Ergebnis ist ein narratives Kleinod, das auf die elegischen Ecken und Kanten nicht verzichten will. Ob die balladeske Vorab-Single „A Matter Of Time“ oder das kammermusikalische „Forward“ – Dillon stellt ihre eindrucksvolle Stimme auf „The Unknown“ noch mehr in den Vordergrund. Das Piano ist nicht nur auf nahezu jedem Song zu hören, sondern verbreitet eine ungeheure Tiefe, die die spielerische Naivität des Debüts komplementiert. Auch wenn die Bassdrum auf dem wundervollen „Into The Deep“ als Silhouette ihre Kreise zieht oder das Clubmusik-infizierte „Nowhere“ den elektronischen Unterbau weiterdenkt, ist „The Unknown“ puristischer, hintergründiger und ganz sicher kein Dance-Album.
„The Unknown“ ist ein dichtes, kompaktes Werk einer außerordentlichen Künstlerin, deren Weg gerade erst begonnen hat. Oder wie bereits Antoine de Saint-Exupéry sagte: Die Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

Dillons charakteristische leicht verkaterte Mädchenstimme legt sich über die dicht-flüssige Masse an kalten Beats. Mit der intuitiven Sicherheit eines Traumwandlers schwebt Dominique Dillon de Byington souverän und zugleich fragil auf unterschwellige Elektronik zu. Anmutige Trübsal macht ihre unperfekte Direktheit aus.
The Gap

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