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„Wer hat Angst vorm Binnen-I“

Diskussion mit Sibylle Hamann (Autorin), Sabine T. Köszegi (Prof. TU Wien), Maria Zimmermann (netzfem. Aktivistin). Moderation: Beate Hausbichler (diestandard)

ARGE diskussion ARGE open mind festival
„Wer hat Angst vorm Binnen-I“ am 14.11.2014 um 19:30 Uhr
Foto (c) Cornelia Anhaus

Feministischer Backlash, gescheiterte Geschlechterstereotypen oder gibt es doch noch eine Zukunft für das „F-Wort“? Nach einem Sommer voller frauenpolitischer Rückschläge drängt sich die Frage auf, ob der Kampf um Gleichbehandlung „erfolgreich erfolglos“ in die Annalen der Geschichte eingegangen ist? Wo liegen die Ursachen dafür, dass Frauenfeindlichkeit (wieder) salonfähig zu sein scheint? Welchen Herausforderungen muss sich Feminismus und Frauenaktivismus in Zeiten von Wirtschaftskrisen, globalen Unruheherden und Migrationsbewegungen stellen?

Um die Sache der Frauen steht es in Österreich, das lässt sich schwer verheimlichen, nicht sonderlich gut.
SZ, 14.9.2014

Am Samstag, 15.11. hält Maria Zimmermann einen Workshop im Rahmen des Open Mind Festivals zu feministischer Netzpolitik.

ARGE produktion

Lassen wir den Sommer kurz Revue passieren, um das Urteil der Süddeutschen Zeitung nachvollziehen zu können: Ein im letzten Jahrhundert lebender Schlagersänger weigert sich beim Grand Prix von Österreich die offizielle Bundeshymne zu singen, weil er „mit 8 Jahren in der Schule im Sachunterricht“ den Text so gelernt hat. Die Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek postet daraufhin in einem sozialen Netzwerk den Originaltext (seit 2011) „Heimat großer Töchter und Söhne“ als Lernhilfe für den Unbelehrbaren und löst damit einen sexistischen Shitstorm sondergleichen aus; die Morddrohungen werden u. a. aus den Kommentaren gelöscht. Auch die Sprachpolizei fühlt sich nun berufen in der Debatte mitzumischen und fordert in einem offenen Brief an Heinisch-Hosek und Wissenschaftsminister Mitterlehner die Abschaffung des Binnen-I. Als Argument wird u. a. ins Treffen geführt, dass nur 0,5 % der Printmedien getrennt geschlechtlich formulieren, was die UnterzeichnerInnen des Briefes aber nicht davon abhält, die Demokratie gefährdet zu sehen: „Wo immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun.“ Der prominente Befürworter und Philosoph Konrad Paul Liessmann trumpft im Profil-Interview mit George-Orwell-Vergleichen auf. Die These, dass Sprache Realität schaffe, verneint er implizit und schafft neben dem Binnen-I auch gleich die Frauen ab: „Das ist philosophisch höchst problematisch und falsch. Ich kann etwa arme Menschen noch so lange Millionäre nennen, davon werden sie nicht reich.“ Davon kann auch Sonja Ablinger, SPÖ Politikerin, ein Lied singen. Nach dem Tod von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hätte Ablinger als Abgeordnete im Nationalrat nachrücken müssen, so wie es das SPÖ Partei-Statut vorsieht. Mit dem Argument der Listenführung im Nationalrat hat die SPÖ dann aber einem Mann den Vorzug gegeben. Dass damit die intern angestrebte Frauenquote von 40% weiterhin ein unerreichbares Ideal bleibt, scheint in der Kanzler-Fraktion niemand zu stören. Auch die FPÖ macht keinen Hehl aus ihren 18% Frauenanteil im Parlament und fordert gleich die Abschaffung sämtlicher Gender-Lehrveranstaltungen an österreichischen Unis.
In Deutschland wiederum ist es ein Jahr nach dem #aufschrei um öffentliche feministische Debatten still geworden; in Blogs und Zeitungen liest man maximal noch vom feministischen Burn-out, verursacht u. a. durch virtuelle Gewalt oder von Alice Schwarzer, deren Frauensolidarität bei Prostituierten endet. Was beide Länder gemeinsam haben, ist der rückläufige Anteil an Frauen in Führungspositionen.
Ist jetzt „Schluss mit Feminismus“ oder gibt es doch noch eine Zukunft für das „F-Wort“?

Sibylle Hamann

geboren 1966 in Wien. Studium der Politikwissenschaft und ein paar anderer Fächer in Wien, Berlin und Peking. Mag. phil. Ausgedehnte Reisen mit und ohne Ziel. Von 1990 bis 1995 im Auslandsressort der Tageszeitung „Kurier”, von 1995 bis 2007 Redakteurin beim Wochenmagazin „profil”. Reisende Reporterin – nicht nur, aber auch aus Krisengebieten. Längere Rechercheaufenthalte in Afrika, den USA und Japan. 1999/2000 und 2004 Korrespondentin in New York.
2006 „Journalistin des Jahres” im Bereich Außenpolitik, Inhaberin der Theodor-Herzl-Dozentur an der Universität Wien, 2010 Trägerin des Concordia-Preises für Menschenrechte, 2014 Kurt-Vorhofer-Preis.
Derzeit freie Autorin. Ständige Kolumnistin bei der Tageszeitung „Die Presse”, regelmäßige Autorin für „Falter” und „Emma”, Chefredakteurin der „Liga. Zeitschrift für Menschenrechte”. Lektorin an der Fachhochschule für Journalismus. Autorin, Moderatorin, Vortragende.
Bücher: „Dilettanten unterwegs. Journalismus in der weiten Welt” (Picus Verlag 2006), „Weißbuch Frauen – Schwarzbuch Männer. Warum wir einen neuen Geschlechtervertrag brauchen” (gemeinsam mit Eva Linsinger, Deuticke Verlag 2009), „Saubere Dienste. Ein Report” (Residenz Verlag 2012)
www.sibyllehamann.com

Sibylle Hamann

Beate Hausbichler

geboren 1978, Philosophiestudium in Wien mit den Schwerpunkten Sozialphilosophie, Sprachphilosophie, Diskurstheorie und Gender Studies. Seit 2003 journalistisch tätig, seit 2008 bei der Tageszeitung DER STANDARD/derStandard.at. Sie schreibt vor allem über Frauenpolitisches für dieStandard.at, Populärkultur, Gesellschaftspolitik und Wissenschaft.
twitter.com/B_Hausbichler

Beate Hausbichler

Univ. Prof. Dr. Sabine T. Köszegi

ist Professorin für Arbeitswissenschaft und Organisation, Vorstand des Instituts für Managementwissenschaften, akademische Leiterin der Post-gradualen Lehrgänge für Entrepreneurship und Innovation und Sprecherin der ProfessorInnen im Senat der TU Wien. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und der University of Illinois at Urbana/Champaign, USA. Nach ihrem Doktorat an der Universität Wien absolvierte sie mehrere internationale Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte. Nach ihrer Habilitation 2006 an der Universität Wien wurde sie im Jänner 2009 an die Technische Universität Wien berufen. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen u. a. in Problemstellungen von organisationalem Fehlverhalten wie Mobbing und Korruption sowie in der Genderforschung. Sie hat zwei Söhne im Alter von zwei und sieben Jahren.
www.imw.tuwien.ac.at/aw/staff/sabine_t_koeszegi

Sabine Köszegi

Maria Zimmermann

studiert Politikwissenschaft, kam durch die Netzpolitik zum Feminismus und versucht diese beiden Themen zu verbinden; sie ist Sachbearbeiterin im Referat für Menschenrechte und Gesellschaftspolitik der Bundes-ÖH, Mitorganisatorin vom FemCampWien 2014 und Mitbegründerin von Prozess.report.
www.mahriah.org

Maria Zimmermann

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