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PeterLicht

Mit brandneuem Album "Melancholie und Gesellschaft".

ARGE konzert

Sagt PeterLicht, nebenbei und keineswegs staatstragend. Und den Kapitalismus, den alten Schlawiner, der uns lange genug auf der Tasche gelegen hat: Den hat PeterLicht ja schon verabschiedet, mit viel Winken, Tränen und Lalü-Lala, auf seiner letzten Platte, die – tja – „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ hieß und an die wir uns über zwei Jahre nach Erscheinen deshalb noch so gut erinnern, weil wir sie komischerweise immer noch hören.

Also, was kommt jetzt? Die aufregenden Abenteuer von Ich und Du. Lieder von der Unzertrennlichkeit der Zertrennlichen. Die Stille nach dem Kuss. Die Liebe in Zeiten der Coca Cola. Die Ballettklasse hat schon Schluss für heute gemacht, da kommen die Mädchen noch einmal zurück, eine nach der anderen, stehen mit offenen Mündern in der Tür, denn: Da hat sich PeterLicht ans Klavier gesetzt, allein in der großen, leeren, verspiegelten Halle, in die durch die Deckenfenster dieses leicht blendende David-Hamilton-Licht fällt, und er singt, mit seiner präzise gescheitelten Stimme: „Du da, ich hier, mit großem Herzen …“

Aber Obacht: Es gibt gute Gründe, warum PeterLicht, dieser Lexikalist der Leidenschaften, dieser Flaneur des Entflammbaren, sein viertes ordentliches Album nicht „Liebeslieder“ oder so ähnlich genannt hat, sondern „Melancholie und Gesellschaft“ – unter anderem, weil er seinen mündigen Zuhörern niemals vorgaukeln würde, alles wäre so einfach. Im ersten Stück „Räume räumen“ lässt er das Publikum sogar live miterleben, wie er langsam vom Nein zum Ja kommt, wie der Himmel interveniert und die nützlichen, irdischen Werkzeuge plötzlich in die Ecke fliegen.

Keine Angst – den bekannt wort- und vokabelstarken Licht gibt es hier auch wieder, in der großartigen Schatten-der-Bombe-Tirade „Marketing“, im „Trennungslied“, das den Binnenreim als die wahre Ursache aller Partnerschaftsprobleme entlarvt, oder in „Stilberatung/Restsexualität“, in dem der Sänger den Kollegen aus den Werbeagenturen zu erklären versucht, wie wenig geheimnisvoll und wie ungemein schützenswert nackte Leute heute so sind. Oder, wie er es selbst formuliert: „Es gibt keinen wahren Po im Falschen.“


Die Musik tanzt dazu, auf eine Art, die viele vielleicht als leise Massage spüren, die aber genauso gut etwas Klarkaltes, wolkenlos Deutliches hat. Ein regnendes Klavier, Gitarren wie das Stroh, in das man sich mit großem Anlauf hineinschmeißt, bisschen stachlig, bisschen flauschig. Die zum Zyklus gekreiselten ersten paar Sekunden von Patti Smiths „Because The Night“, die wohlprononcierte Dramatik, Wanderlieder aus Porzellan, Musik für leere Ballsäle und ein Orchester mit Glockenspiel.

Und wer findet, dass das alles für eine PeterLicht-Platte etwas zu wenig verspult klingt, der muss nun doch die Augen aufmachen und sehen, dass „Melancholie und Gesellschaft“ ein transzendentes Moment hat wie bisher kein anderes Werk im Licht-Kanon. Allein schon, wie er mit seinen Freunden am Anfang von „beipflichtn“ an einem weiß gleißenden Ort sitzt, der der Korova-Milchbar aus „Clockwork Orange“ nicht unähnlich ist – ein Mittelding aus Hölle und Himmel, wo das finale „Bye bye“ auch beipflichtend und okayfindend gemeint sein kann. Um zu sich selbst zurückzufinden, genügt hier manchmal die richtige Busfahrkarte („Der Sommer ist aus“), und wahre Freiheit gibt es nur für die, die nicht ständig das doofe Zeug nachplappern, das sie selbst den ganzen Tag reden. Ist die Liebe, wenn man sie falsch macht, am Ende auch nur eine kapitalistische Taktik? Und kann sie trotzdem die Utopie sein, die mal so ganz leger in die richtige Richtung deutet? Ja, sagt PeterLicht. Er hat schon wieder Ja gesagt.

Wenn Sie mich fragen: „Melancholie und Gesellschaft“ ist sein WEISSES ALBUM. („weiß“ auch wie in „wissen“. Und obwohl der Vergleich extrem weit hergeholt wirkt: Hören Sie mal direkt im Anschluss „Lovesexy“ von Prince. Es gibt da interessante, wenn auch absolut zufällige Parallelen.)

„Jeder Gedanke schien mir nur noch der Beweis seines Gegenteils zu sein.“

Schreibt PeterLicht, und dass er schreibt, Prosa, Songs, ganze Bücher, dass er beim Bachmannpreis liest und auf Kunstbühnen inszeniert wird, dass er seine Musik live aufführt und verstärkt in 2007 vom Indie-Clubs übers große Theaterschiff bis zum Melt!-Festival in allen Formaten gerockt und gepoppt hat, das ist alles bekannt. Wer PeterLicht dank „Sonnendeck“ von 2000/2001 als One-Hit-Wonder betrachtete, wurde spätestens vom überwältigenden Publikums- und Kritikererfolg „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ (2006) eines Besseren belehrt.

„Melancholie und Gesellschaft“ entstand im Lauf des vergangenen Jahres wieder unter Regie des langjährigen Begleiters und Produzenten Jochen Naaf. Die Abkehr vom bewährten Homerecording-Ansatz zeigt sich allerdings darin, dass mit Pianist Tobias Philippen, Gitarrist Hanno Busch und Schlagzeuger Florian Bungardt drei Mitglieder von PeterLichts Live-Band auf der Platte zu hören sind. „Meine ersten Platten bewohnen einen eher diffusen Raum im Äther, und meine Seele ist da immer noch“, erklärt der Künstler. „Trotzdem haben die vielen Live-Konzerte eine neue Dimension gebracht – das Musikmachen bekommt etwas leicht Geerdetes, Gerades, wenn man auf einem Festivals spielt, 2000 Zuhörer direkt anspricht, und wenn die dann auch noch hüpfen und mitsingen.“ Das Coverbild von „Melancholie und Gesellschaft“ basiert auf einer Kunstaktion der Kölner Gruppe SEE!. Und auch der Rest ist absolut großartig. Wird aber nicht verraten.

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